1944-45 Brehm

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Panzergrabenbau 1944 - Pommernwall - Flucht März 1945

Kartenausschnitt - westliches Hinterpommern mit Cammin im Norden und Stettin südwestlich

Pommern 1945 - Gerd Brehm

 

Wir zahlten für Hitlers Hybris

Zeitzeugenberichte vom Kriegsende 1945

Panzergrabenbau im Herbst 1944 in Ostpommern - Flucht 1945

Panzergrabenbau im Herbst 1944 in Ostpommern

Tausende halbwüchsige Schüler, junge Mädchen und Frauen (auch Mütter von Kindern) wurden im Spätsommer und Herbst 1944 zu monatelangen Schanzarbeiten dienstverpflichtet, um Schützen- und Panzergräben auszuheben, deren Mühen und Strapazen sich letztlich beim Versuch der Abwehr der mit einer Übermacht von 7:1 bei Panzern und 20:1 bei der Artillerie, insgesamt im Verhältnis 11:1 angreifenden sowjetischen Armeen als militärisch völlig sinnlos erweisen sollten. (Siehe Jürgen Thorwald: „Die große Flucht / Es begann an der Weichsel“)

Gerd Brehm (* 1929) berichtet:

Der Einsatz begann gleich in unseren ersten Sommerferientagen 1944, nachdem wir gerade die Prüfungen zur Mittleren Reife hinter uns hatten. Für die Organisation im Bereich Gollnow war der Parteiortsgruppenleiter Fraude verantwortlich. Zusammen mit meinen besten Kameraden, Karlheinz Köhler und Horst Schwarz, Geburtsjahrgänge 1928, beide leben heute in Kanada, bestiegen wir mit unseren von daheim mitgebrachten Spaten und Marschgepäck den in Gollnow eingesetzten Eisenbahnzug in Richtung Osten. Das Ziel war uns noch unbekannt.

Nachdem wir etwa neun Stunden unterwegs waren, stiegen wir auf dem Bahnhof Schönau aus, um dann zum 4 km entfernten Gut Schönau zu marschieren, wo eine riesige Scheune als Lager für uns dienen sollte. Hier trafen wir weitere Schulfreunde, wie die Zwillingsbrüder Götz, Hermann Goetsch aus Röhrchen und Karl Herrmann, den Sohn unseres Direktors und Lateinlehrers, sowie viele andere Bekannte aus der Hitlerjugend von Christinenberg. Wir bezogen die mit Stroh ausgelegte Scheune. Jeder baute sich mit Hilfe seines Gepäcks sein eigenes Strohnest auf dem Erdboden mit Gängen dazwischen. Zuerst waren wir in der Scheune 170 Mann, später sogar ca. 500. Geführt wurde unser Lager durch einen HJ-Bannführer.

Etwa die Hälfte von uns wurde damit beschäftigt, die Bäume, die den künftig auszuhebenden Gräben im Wege standen, zu fällen und die Stubben zu roden. Dann folgten jeweils 500 Mädchen und Frauen, die die Gräben ausschaufelten. Die andere Hälfte der Jungen hatte anschließend die Grabenbefestigungen durch Faschinenbau zu erledigen. Die Faschinen dienten dazu, dass die Gräben nicht wieder zusammenfielen. In dieser Truppe hatten Horst Schwarz, Karlheinz Köhler und ich als 3-Mann-Gruppe einen solchen Ausbau-Auftrag. Die Arbeiten wurden generell durch Soldaten und Forstschutzkommandos geleitet und beaufsichtigt. Unsere Tätigkeit wurde durch uniformierte SA-Leute überwacht. Alles erfolgte von Anfang bis zum Ende in Handarbeit. Es gab keine Maschinen. Die Schützengräben waren gut mannstief und –breit und verliefen im 10-m-Zickzack mit runden Maschinengewehrnestern in kurzen Abständen. Eine bereits vorhandene Bunkerlinie wurde durch die von uns ausgehobenen Gräben miteinander verbunden. Die Wehrmacht versah diese Bunker inzwischen mit Waffen verschiedenster Art. Von einem Teil der Dienstverpflichteten wurden Panzergräben ausgehoben. Diese mussten wegen der Tiefe von etwa 4,5 m und 1 m Sohlenbreite von den Frauen in mehreren Etappen ausgeschaufelt werden, weil es nicht möglich war, die Erde aus solcher Tiefe mit einem Spatenhieb hinauszuwerfen.

Der übliche Tagesablauf: 5 Uhr Wecken, Aufstehen, Waschen, Kaffeeempfang, Morgenappell nach Antreten vor der
Hakenkreufahne mit Ausgabe der jeweiligen Tagesparole, die sich jeder genau für den ganzen Tag zu merken hatte. 7 Uhr Abmarsch zur Arbeit an den Gräben. Weil die von uns geschaffenen Gräben immer länger wurden, verlängerte sich unsere Anmarschzeit von anfänglich eine auf anderthalb und schließlich zwei Stunden. Die tägliche Arbeitszeit verlängerte sich ohne Wegzeit ebenfalls von anfangs 6 auf später 7 Stunden. Eine Zeitlang wurden wir auch auf Leiterwagen zur Arbeit und wieder zurück gefahren, weil viele von uns fußkrank wurden. Schuhe gab es nur gegen Bezugschein, wenn überhaupt. Mein Vater hatte mir sein Paar mir um einige Nummern zu große Pirschstiefel gegeben, die ich in den Spitzen mit Papier ausgestopft hatte. Oft schwamm abends bei der Rückkehr ins Lager das Blut in diesen wasserdichten Schuhen, so kaputt gescheuert waren die Füße. Man wagte nicht, sich zu beklagen, denn nach den Worten unseres Führers Adolf Hitler mussten Hitlerjungen ja „hart wie Kruppstahl, zäh wie Leder und flink wie Windhunde“ sein. Die Wagen mussten ringsum wohnende Landwirte mitsamt Pferden stellen. In den ersten Wochen wurden wir auf den täglichen Rückwegen mit einem Umweg zu einem in Schönau gelegenen kleinen See zum Baden und Waschen befohlen. Später jedoch, als in unserem Lager wegen mangelhafter hygienischer Verhältnisse und schlechter Verpflegung Ruhr-, Diphtherie- und Scharlacherkrankungen auftraten, wurde der See für uns zum Baden wegen der erhöhten Infektionsgefahr verboten.

Wir mussten täglich arbeiten und hatten nur jeden 3. Sonntag frei. Nach der Rückkehr ins Lager am Nachmittag mussten wir nach dem Waschen bei der Austeilung der warmen Mahlzeit anstehen. Oft mussten wir dann noch zu neuen Appellen antreten und in einzelnen Gruppen eine Thingstätte mit halbrunden geschaufelten Sitzgräben, einer Findlingsgruppe mit Fahnenstange und HJ-Emblemen herrichten. Auch einen Kleinkaliber- und Pistolenschießstand für tägliche Schießübungen hatten wir in der Freizeit zu bauen. Ferner gab es in den Abendstunden Musterungen und Werbeveranstaltungen durch Wehrmachts- und SS-Angehörige. Selten war es uns mal vergönnt, einige Stunden in dem schönen Park des Guts auszuruhen. Von Tag zu Tag wurde das Stroh in unserem Scheunenlager immer mehr zu Staub zertreten. Dieser Staub löste bei mir immer mehr Atembeschwerden aus, so dass ich, sofern es die Witterung erlaubte, nachts unter freiem Himmel in einem nahen Wäldchen hinter unserer Thingstätte schlief. Karlheinz Köhler resignierte: „Hier in diesem Lager wasche ich mir nie die Füße!“

In den ersten drei Wochen durfte niemand nach Hause schreiben. Wir sollten Feldpostnummern bekommen, damit die neu entstehenden Stellungen nicht durch Angabe des Aufenthaltsortes bekannt werden konnten. Wir bekamen jedoch keine Feldpostnummern und durften jetzt unter folgender Absenderadresse an die Eltern schreiben: HJ-Inspektion D, Platz 16 (VIII), Baldenburg in Pommern. Weil aber gerade in den ersten Wochen die Verpflegung sehr schlecht und mangelhaft war, griffen wir unterwegs zu rohen Zuckerrüben und Kartoffeln, die wir an den Schützengräben rösteten. Zur Nacht-Lagerwache, die alle zwei Stunden abgelöst wurde, meldeten wir uns gerne, weil wir dann im Garten des Gutes Obst klauen konnten. Nach der Briefflut trudelte etwa 10 Tage später eine Paketflut von den Eltern im Lager ein. Obwohl jeder von uns von den Eltern beim zuständigen Bürgermeister mit dem Tage der Einberufung vom Lebensmittelkartenbezug abgemeldet werden musste, hatten sich unsere Familienangehörigen Kuchen, Brot, Wurst und Obst von ihren nicht gerade üppig bemessenen Rationen abgespart. Ganze Leiterwagen voller Pakete trafen dann jeden Tag ein. Fast jeder überfraß sich erst einmal, wie auch ich: In der einen Hand den Kuchen, in der anderen die Wurst, zwischendurch einen Apfel. So hockte jeder über seinem Paket, dabei auch noch den beiliegenden Brief lesend. Ich habe mich anschließend so übergeben müssen, dass ich mir geschworen habe, mich nie wieder zu überfressen. Die Kartons schickten wir dann mit schmutziger Kleidung wieder zurück.

Die extreme Hitlerdiktatur verlangte von uns die rücksichtslose Preisgabe aller unserer körperlichen Kräfte und unseres persönlichen Eigentums: „Einer für alle!“ Niemand konnte sich dagegen auflehnen. Eine Entlohnung für den Einsatz gab es nicht. Selbst für Brief- und Paketporto mussten uns unsere Eltern Geld schicken. Unsere selbst finanzierten und auf Kleiderkarte beschaffte HJ-Uniformen, die wir wegen der Kälte oft nachts nicht auszogen und darin schliefen, trugen wir bei der Schinderei in den Schützengräben auf. Kaufläden gab es weit und breit nicht. Später kam ein fahrender Bäcker dreimal wöchentlich in das 2 km entfernte Dorf Schönau, bei dem wir mit den von den Eltern geschickten Markenabschnitten etwas zusätzlich zur schmalen Kost kaufen konnten. In dieser für uns monotonen und entbehrungsreichen Zeit drehte sich in unserer Post an die Eltern alles nur ums Essen. Nur wer einen stabilen Koffer hatte, konnte seine Lebensmittelportionen vor Mäusen schützen. Meine Eltern schrieben mir immer wieder Verhaltensmaßregeln, besonders im Hinblick auf die Erhaltung der Gesundheit. Aus ihren Briefen erfuhr ich auch von den verheerenden Bombenangriffen auf Stettin und die Folgen für unser Haus, in dem für aus Stettin evakuierte Landesforstamts- und Holzwirtschaftsamts-Dienststellen Räume requiriert wurden.

Bei den Schanzarbeiten traf ich auch unseren Erdkundelehrer Linemann und viele Mädchen aus Christinenberg.

Es gab immer wieder Gerüchte, der Einsatz dauere nur 14 Tage oder ginge wirklich bald zu Ende, oder wir würden durch andere Hitlerjungen abgelöst. Dann hieß es plötzlich, alle könnten vom 12. bis 17. Oktober nach Hause in Urlaub fahren, zwei Tage würden für An- und Abreise gerechnet und vier Tage als Urlaub! Ein Sonderzug wurde für uns eingesetzt. Weil ich meinen Spaten wegen gänzlich anderer Arbeiten nie gebraucht hatte, nahm ich ihn mit nach Hause. Zu Hause angekommen, musste ich mich mit den inzwischen veränderten Wohnverhältnissen erst vertraut machen. Vom Christinenberger Bürgermeister musste ich mir für die vier Tage Lebensmittelmarken aushändigen lassen. Darauf gab es 1390 g Brot, davon 850 g Roggenbrot, 150 g Fleisch, 85 g Butter, 40 g Margarine, 100 g Marmelade, 100 g Zucker, 75 g Nährmittel, 40 g Kaffeeersatz, 30 g Käse.

Nach dem Urlaub ging alles im alten Trott weiter. Jedoch bezogen wir wegen zunehmender Nachtkälte einen leer gemachten großen Speicher und teilten ihn mit Strohgarben in Buchten für je vier Mann ab. Jede Bucht bekam eine einfache Lampe. Von nun an konnte man bei länger werdender Abendzeit mal lesen oder schreiben. In der Mitte des Speichers wurde ein Kohleofen installiert. Wintersachen hatten wir uns von zu Hause mitgebracht.

Von den etwas Älteren unter uns wurden etliche zum Reichsarbeitsdienst einberufen und kehrten zunächst schnell erst nach Hause zurück. Es wurden auch immer mehr Bauernsöhne reklamiert, deren Väter zum Wehrdienst einberufen worden waren, und deren Mütter nicht alleine mit der Landwirtschaft fertig werden konnten. Es kam jetzt auch vor, dass einzelne Eltern ihre Söhne im Lager besuchten. Von meinen Eltern erfuhr ich, dass eine Klassenkameradin, deren Vater in Hornskrug Partei-Ortsgruppenleiter war, ein meinem Vater unterstellter Revierförster, sowohl vom Osteinsatz als auch vom Kartoffelernteeinsatz befreit war. Diese Leute nahmen sich meist rücksichtslos ihre Sonderrechte.

Einmal durften wir in Schönau geschlossen einen Film sehen: „Wunschkonzert“. Es wurde uns auch die Wochenschau gezeigt, in der über die „V1“-Raketen berichtet wurde, deren Flüge wir von unserem Lager aus verfolgen konnten. Auch über unseren Schanzeinsatz berichtete diese Wochenschau.

Mitte September hinderte uns der Frost bereits daran, Spaten und Schaufeln in die Erde zu treiben. Ein Sonderzug brachte uns am 22.11.1944 von unserem Osteinsatz heimwärts.


Die letzten Wochen in der Heimat - auf dem Forstamt Pütt und in Christinenberg - 1945

Gerd Brehm - im Internetauch unter : http://www.Christinenberg.de

Am 22.11.1944 kehrte ich vom Osteinsatz heim. Am nächsten Tag meldete ich mich in der Schule. Von unseren Jungen erschien keiner außer mir, nur die etwa 20 Mädchen meiner Klasse. Weil ich der jüngste war, hatte ich noch keinen Einberufungsbefehl zum Wehrertüchtigungslager oder als Flakhelfer oder Reichsarbeitsdienstmann oder als Soldat. Unser Direktor befahl uns zur Arbeit in der Druckerei der Pommerschen Zeitung in Gollnow, wo die Mädchen und ich zum Drucken von Lebensmittelmarken angelernt wurden: Arbeitszeit täglich 8 Stunden. Ca. 2 Wochen später befahl mich mein Schuldirektor zu sich und teilte mir mit, dass ich ab sofort zum Volkssturmdienst verpflichtet werde, nämlich als Ersatz für meinen Vater (* 1894, wegen einer Kriegsverletzung aus dem 1. Weltkrieg wehruntauglich), der angeblich für den Volkssturmdienst dienstlich unabkömmlich sei. Er sagte weiterhin, dass mit dem Heranrücken der Ostfront der Volkssturm aufgestellt werden müsste, und dass er der Bataillonsführer für Abteilung Gollnow-Stadt sei und mein Vater zum Bataillonsführer Gollnow-Land ernannt werden sollte.

Ab sofort mussten wir unseren neu geschaffenen Spielkellerraum unter der Küche als Volkssturmwachlokalraum hergeben. Ein Wehrmachtsunteroffizier veranstaltete für etwa 70 Jahre alte mir bekannte Bauern aus Christinenberg und mich eine 30 Minuten-Ausbildung an einer Maschinenpistole und Panzerfaust mit Probeschuss hinter unserem Wohnhaus, wobei durch den Rückstoß der Panzerfaust unsere Badezimmerscheibe zerdrückt wurde, obwohl wir beim Abschuss mindestens 80 m entfernt vom Wohnhaus standen. Die ersten 4 Wochen tat ich Dienst im 12stündigen Wechsel in einem 8 km entfernten Schrankenwärterhäuschen an der Straße Christinenberg - Gollnow. Inzwischen wurde in der Straßenkurve bei Pütt aus riesigen stählernen Schneepflügen, die ineinander verkeilt mit Stahlseilen an beiderseits der Straße stehenden dicken Kiefern verankert wurden, eine Panzersperre mit schmaler Slalomdurchfahrt gebaut, wobei beiderseits auch noch ein 4 m breiter Panzergraben parallel zur Straße ausgehoben wurde. Etwa am 20. Januar 1945 wurde ich zum Dienst vor Pütt an diese Panzersperre abkommandiert mit zwei alten Männern pro 12-Stunden-Schicht im Tag/Nacht-Wechsel. Wir hatten den gesamten Straßenverkehr, ob Wehrmacht, ob jetzt schon pausenlos aus Ostpreußen herkommende Flüchtlingstrecks auf Partisanen zu kontrollieren. Mit Koks aus unserem Heizungskeller (unsere Zentralheizung funktionierte nie in unserer Zeit) in einem großen durchlöcherten Blechfass wärmten wir uns zwischendurch immer wieder auf. Einen Teil der Scheune mussten wir für Reichsarbeitsdienstausrüstungslagerung abgeben, den anderen für SS-Einquartierung.

Die Trecks von Flüchtlingen aus Ost- und Westpreußen, Litauen und Estland rollten pausenlos bei Tag und Nacht an unserem Haus vorbei. Weil wir einen großen Stall und eine große Scheune auf dem großen Hofgelände hatten, gab es immer wieder große Anfragen wegen Nahrungsmitteln und Milch für Flüchtlingskinder, Unterkunft und Pferdefutter.

Die Front rückte von Osten immer näher heran. Jetzt begann auch Vater schon damit, mit uns zusammen darüber nachzudenken, was wir machen sollten: flüchten oder hier bleiben. Anfang Februar 1945 entschied sich Vater für einen Bunkerbau ca. 1,3 km von Pütt entfernt im Wald am Rand eines Hügels. Von nun an bauten unser Stellmacher Köpp, der französische Kriegsgefangene Capedeville, Harm und ich aus Kiefernstammhölzern einen großen Erdbunker in G-Form in den Hügel und tarnten ihn gut. In dieser Zeit machte ich darum nur Nachtdienst.


Vorsichtshalber ließ Vater aber doch unser Auto, das im Kriege dienstlich für Vater zugelassen war, aber über ein halbes Jahr zum Benzinmarkensparen (pro Monat gab es nur 20 Liter auf Marken zugeteilt) nicht benutzt wurde, von dem Waldarbeiter Drozd mit Hilfe seiner Pferde zur Autowerkstatt Schirmer in Christinenberg ziehen. Einige Tage später holte der Chauffeur C. den Wagen voll funktionsfähig bei hohem Schnee ab und stellte ihn in die Garage. Tank und einige Blechkannen waren mit Benzin gefüllt. Einige Stunden danach - die SS-Soldaten hatten das Auto kommen sehen - beschlagnahmte ein Offizier das Auto. Vater verweigerte aber die Herausgabe des Zünd- und Lenkungsschlüssels. Harm und ich wurden auf dem Hof immer wieder mit den Worten bedroht: "Sagt Eurem Vater, dass er den Schlüssel hergibt, oder wir werfen eine Handgranate in Euer Auto!" Einige Stunden beschäftigten sich zwei Soldaten damit, die Zündung kurzzuschließen und am Lenkungsschloss mit einem dicken Hammer herumzuschlagen, aber vergebens. Der Abmarschbefehl für diese kleine SS-Einheit kam in der nächsten Nacht so plötzlich, dass sie ihr Vorhaben in keiner Weise ausführen konnten. Nun war unser Auto aber wieder defekt und musste abermals in die Werkstatt gezogen werden. Sicherheitshalber holte Capedeville es bei Nacht wieder ab.

Die Flüchtlingswelle wurde immer stärker. In jeder Nacht nahmen wir eine Forstbeamtenfamilie auf. Diese Familien kamen in den meisten Fällen ohne Männer, die entweder Soldat waren oder auf der Flucht auseinandergerissen waren. Es sprach sich unter den Flüchtlingen herum, dass ein Zurückbleiben unter den Russen lebensgefährlich werden kann bei der Gefahr der Ermordung oder Verschleppung nach Sibirien. Auch Vater und Mutter bekamen jetzt Bedenken, die Kampfhandlungen und die Besetzung durch Russen in unserem fertiggestellten Bunker überdauern zu wollen. So etwa um den 20. Februar herum hörten wir das Herannahen des Geschützdonners der Front von Osten her zum ersten Mal. Es dröhnte von Tag zu Tag immer lauter. Tieffliegerangriffe der Russen, hauptsächlich auf die endlosen wehrlosen Flüchtlingstrecks auf unserer Straße gerichtet, wurden immer häufiger. Vater und Mutter sortierten jetzt schon allmählich das Wichtigste für die Flucht. Der Stellmacher Köpp, Harm und ich zimmerten zwei Holzkisten mit verschließbaren Deckeln zusammen. Jede Kiste versahen wir mit einer vollgummibereiften Achse unserer 4-rädrigen sog. "Holländer" und mit einer wie ein Sägebügel gespannten Deichsel aus Haselnussholz. So hatten wir dann zwei provisorische Fahrradanhänger.

Am 23.2.1945 erhielt ich als 15 ¾ jähriger die Einberufung zur Wehrmacht. Ich sollte mich am 1.3. in der Kaserne in Wiek auf der Insel Rügen einfinden. Erkundigungen beim Bahnhofsvorsteher Frömming in Christinenberg ergaben aber, dass ein pünktliches Erscheinen dort wegen der durch Luftangriffe unterbrochenen Eisenbahnstrecken überhaupt nicht gewährleistet war. Ich behielt den Bescheid bis zum 1.3. zurück und schickte ihn dann per Post nach Naugard, unserer Kreisstadt, 36 km nördlich von Pütt, zurück mit dieser Begründung. Weil die Russen um diese Zeit durchschnittlich 12 km pro Tag weiter nach Westen voranrückten, erledigten sich Zwangsmaßnahmen gegen meine Nichtbefolgung des Stellungsbefehls von alleine.

Harm und ich sahen unsere besten Fahrräder noch einmal durch und machten sie fahrtüchtig mit allerbesten Teilen auch von anderen Fahrrädern und stellten sie mit den Anhängern zu unserem Auto in die Garage. In der letzten Woche vor der Flucht hatte ich Nachtdienst an der Panzersperre, somit bei Tage auch Zeit, die Fahrradanhänger und das Auto zu beladen. Nachts schlief unser Chauffeur zur Bewachung auf einer Matratze neben unseren Fluchtfahrzeugen in der von innen verriegelten Garage, denn es musste stark mit Einbruch durch in Not geratene Flüchtlinge auf der Suche nach Lebensmitteln und Futter für Pferde gerechnet werden.

Am Montag, dem 5. März 1945 mittags, hatten wir das Gefühl, dass die Russen höchstens 10 km entfernt von Pütt waren. Das Telefon ging schon nicht mehr. Der elektrische Strom war für uns schon unterbrochen. Wir wohnten ca. 1 km vom Dorfrand entfernt ganz allein im Walde. Die Eltern beauftragten mich, mit dem Fahrrad noch im Dorf auf Lebensmittelmarken soviel wie möglich einzukaufen, Geld von der Sparkasse abzuheben und beim Bürgermeister eine schriftliche Genehmigung zu holen, damit der französische Kriegsgefangene Capedeville als Chauffeur ohne Bewachung unser Auto auf der Flucht in Richtung Westen fahren darf. Ich erschreckte mich im Dorf sehr darüber, dass ich keinen Zivilisten mehr antraf, sondern nur deutsche Soldaten, die sich in den verlassenen Lebensmittelgeschäften mit Essbarem versahen. Dieses tat ich auch und stopfte beim Bäcker, Fleischer und Kaufmann alle meine Einkaufstaschen voll. Geld erhielt ich auch nicht mehr, desgleichen auch nicht die Bescheinigung. Die Dorfbewohner waren schon alle auf der Flucht und schon längst an Pütt vorbeigezogen, nachdem sie sich in die endlosen Flüchtlingstrecks einreihen mussten. Als ich in die Hauptstraße zu uns einbog, kamen gerade russische Tiefflieger über der Straße entlang, dabei immer in die Trecks hineinschießend. Zuerst schmiss ich mich samt Fahrrad in den Straßengraben, und dann benutzte ich einen Schleichpfad durch eine Schonung nach Pütt zurück.

Vater traf sofort nach meinem Eintreffen mit der Nachricht, dass unser Dorf schon unterwegs sei, die letzten Vorbereitungen. Es war also seit mindestens 3 Wochen ausgehandelt, dass Vater, Harm und ich auf Fahrrädern und Mutter mit Jörg, Kuno und dem Chauffeur in unserem Auto auf die Flucht gehen werden, wenn auch getrennt voneinander. Unsere Devise war, soviel Gepäck wie möglich zu retten. Sieben Personen hätten ja auch ins Auto gepasst, aber die Mitnahme von Gepäck wäre fortgefallen. Vater hatte zwei Landkarten fertiggemacht, eine für uns, eine für Mutter, auf welchen er die für Übernachtungen in Frage kommenden Forsthäuser rot unterstrichen hatte, verteilt über Vorpommern, Mecklenburg und Schleswig-Hostein und Niedersachsen. Auch gab er den Auftrag, dass jeder sich selbst auf jedem zu passierendem Regierungsforstamt, z. B. in Schwerin, Schleswig, Lüneburg persönlich meldet und nach dem anderen dort nachfragt. Mit Verwandten in Oberelsungen bei Kassel, bei Frankfurt/M. und in Stuttgart wegen von dort heranrückender Westfront sobald wie möglich Kontakte aufzunehmen, lautete die Verabredung.

Kurz bevor wir auf dem Pütter Hof startklar waren, erschien plötzlich der Revierförster Schröder von Unterkarlsbach, der auch im Walde wohnend, vergessen worden war, mit seinem vollbeladenen Pkw samt Ehefrau und Hund. Wir freuten uns sehr darüber, dass Mutter nun gute Gesellschaft hatte auf der Flucht, so wie er auch.

Inzwischen war es 17 Uhr geworden. Es lag ca. 10 cm Schnee, und wir hatten ca. minus 10 Grad Frost. Mit erschütterten Blicken verabschiedeten wir uns voneinander an der Grundstücksausfahrt nochmals, es war Montag, der 5. März 1945, 17 Uhr. Dieses Datum vergesse ich nie.

Auch ich ließ den Volkssturm sein wie er war. Es war mir alles egal. An der Panzersperre vor unserem Grundstück angekommen, war kein Bewacher mehr da. Vater, Harm und ich hielten noch mal eine kurze Gedenkpause darüber ab, ob wir noch etwas ganz Wichtiges nachholen müssten. Wir hatten also doch nichts vergessen, und wir reihten uns in den endlosen Flüchtlingstreck ein.


Flucht auf Fahrrädern von Hinterpommern gen Westen

Zusammen mit meinem Vater und meinem 1931 geborenen Bruder Harm ging ich also in unserer Männergruppe per Fahrrad auf die Flucht. Unsere Räder mit Anhänger waren hochbeladen und schwergängig. Vater hatte keinen Anhänger, dafür transportierte er außer vielen Gepäckstücken noch zwei Jagdwaffen. Insgesamt transportierten wir pro Rad in Kisten, Koffern, großen Taschen und Rucksäcken mehr als zwei Zentner Gepäck, so dass wir die Räder oft schieben mussten.

Unsere Mutter (*1907) und meine beiden jüngeren Brüder (* 1936, 1939) ging mit unserem kriegsgefangenen französischen Chauffeur in unserem während des Krieges dienstlich zugelassenen Personenkraftwagen in der zweiten Gruppe getrennt auf die Flucht. Das Auto war ebenfalls mit viel Gepäck beladen, zum Teil außen aufgebunden, und es war mit 80 Litern extra für die Flucht aufgesparten Benzins voll betankt und führte Reservekanister mit. Unterwegs, so war es abgesprochen, wollten sich beide Gruppen bei den Forstverwaltungen in Mecklenburg, Schleswig-Holstein, im Hannoverland oder in Hessen melden, um für die andere Gruppe Spuren über das Verbleiben zu hinterlassen. Wir sollten uns erst ein halbes Jahr später wiedersehen.

Unterwegs hatten wir oft Tiefflieger- und Bombenangriffe durch russische, später durch englische oder amerikanische Flugzeuge. Fast jede Nacht mussten wir uns ein anderes Quartier besorgen. Massenquartiere, die oft verlaus waren, mieden wir möglichst. Unsere Verpflegung – alles war seit Kriegsbeginn äußerst knapp und rationiert – musste förmlich erbettelt werden. Das Radeln mit großem Gepäck und den schweren Anhängern verursachte großen Hunger. Ständig musste ich befürchten, unterwegs noch aus dem Treck herausgeholt und zum Wehrdienst verpflichtet zu werden, weil mein Jahrgang jetzt auch schon einberufen wurde. Vater war als Schwerkriegsbeschädigter einigermaßen sicher.

Zur 52. Fluchtnacht bezogen wir am 25. April 1945 in Ahrensbök bei Lübeck zu dritt ein kleines Gaststättenzimmer, in dem wir bis zum 31. Juli 1945 “wohnen” durften, weil Vater dort auf Anweisung der Schleswiger Fortverwaltung einen schwerverwundeten Revierförster vertreten musste.

Kurz vor der Kapitulation rückten hier Anfang Mai die englischen Besatzungstruppen ein. Bei der letzmöglichen Amnestie für Jagdwaffen, die wir immer noch mit uns führten, bekam ich auf Grund meiner guten Englischkenntnisse, als ich meinen Vater zur Abgabe begleitete, vom Besatzungskommandanten ein Angebot, als Dolmetscher bei ihm zu arbeiten. Ich willigte sofort ein. Von nun an hatten wir vorerst immer genug zu essen und erhielten auch englische Zigaretten, die wir als Nichtraucher zum Tausch gegen neue Schuhsohlen oder Fahrradreifen gut gebrauchen konnten.

Am 1. August 1945 setzten wir unsere Vagabundenreise durch Deutschland auf unseren bepackten Fahrrädern in Richtung Südwesten fort, weil wir hofften, bei Verwandten nahe Kassel oder Frankfurt/Main etwas über unsere Mutter und Brüder zu erfahren. Am 4. September 1945 tauchte unsere Mutter völlig unerwartet bei unseren Verwandten in der Nähe von Kassel auf. Sie hatte in Wettmar bei Celle bei einem Forstamt Aufnahme gefunden.

Der obige Beitrag ist enthalten im

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Zeitzeugenberichte vom Kriegsende 1945

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