Flucht aus Gnesen

 Flucht aus Gnesen

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Flucht aus Gnesen nach Wildau bei Berlin - Kriegsende 1945

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Karlheinz Franke

 berichtet über seine Flucht

aus Band 11 in der gelben Buchreihe "Zeitzeugen des Alltags" von Jürgen Ruszkowski

Band 12:

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Autobiographie

dieser Band kostet 12,- €

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     Karlheinz Franke  

  Franke Karlheinz 

 erzählt:

Im Januar 1945 wurde es unheimlich kalt, und ich bemerkte, dass ganze Gruppen von Pferdewagen in der Dunkelheit auf Nebenstraßen um die Stadt herumgeleitet wurden.  In der Zeitung hieß es, dass kein Mensch seinen Platz verlassen dürfe und der Führer bald seine Wunderwaffe einsetzen werde, die mit einem Schlage alle Feinde vernichten würde.  Onkel Fritz musste mit anderen nicht mehr wehrfähigen alten Herren und ab 15jährigen Jünglingen auch zum Volkssturm.  Sie sammelten sich in einer Gaststätte und erhielten einen Karabiner und eine Armbinde mit der Aufschrift „Volkssturm“, dazu einige „Hindenburglichter“ (ähnlich den heutigen Teelichtern) und für drei Tage Marschverpflegung.  Da Onkel Fritz starker Raucher war, musste ich ihm noch 300 Zigarettenhülsen mit Tabak stopfen.  Etliche fielen davon auch für mich ab und eine Zigarre habe ich auch probiert.  Aber das waren meine letzten Rauchversuche. 

Flucht  nach Wildau bei Berlin

Bis zum 19. Januar 1945 hatten wir noch geregelten Schulunterricht, obwohl schon einige Mitschüler aus den Dörfern fehlten.  Dann hieß es plötzlich: „Gnesen muss geräumt werden.“  Tante Alma gab Ulli und mir 1.000 RM.  Wir sollten sehen, dass wir bei einem befreundeten Gutsbesitzer Pferd und Wagen bekämen.  Aber der war schon per Auto geflüchtet.  So packten wir einige Taschen und gingen zum Bahnhof.  Ich hatte meinen Tornister mit Karabinermunition gefüllt und darum vorschriftsmäßig eine Decke gerollt.  Tante Trudchen hat dann die Munition ausgeschüttet und dafür Wäsche eingepackt.  Ich zog die langen Stiefel meines Vaters an und den Pelzmantel von Onkel Fritz.  Auf dem Bahnhof stand ein Zug mit offenen Güterwagen, der schon fast besetzt war.  Die Neuankömmlinge haben dann einfach Gepäckstücke rausgeworfen nach dem Motto: Erst kommen die Menschen mit!  Ich fand einen Platz in einem leeren Bremserhäuschen, wo ich glaubte, den Zug gegen Partisanen und Tiefflieger verteidigen zu müssen.  Als der Zug sich in Bewegung setzte, waren die Russen schon vor Posen, und wir fuhren einen Umweg nach Süden über Schlesien, von Glogau an dann wieder nordwärts in Richtung Berlin.  Die Reise dauerte bei 20° Kälte mit Unterbrechungen zwei Tage und zwei Nächte.  Als meine Tante Anni mit ihrer dreijährigen Ingrid einen Halt zum Austreten nutzen wollte, fuhr der Zug plötzlich an, und sie blieben zurück.  Auf dem nächsten Bahnhof fuhren dann zwei Männer mit einer Draisine zurück und holten sie wieder ab.  Kurz vor Berlin türmten der polnische Heizer und Lokführer, obwohl der Bewacher noch hinterhergeschossen hatte.  Unser Zug wurde dann von einer Werkslokomotive der Schwarzkopfwerke auf ein Werkgleis in Wildau gezogen, und wir wurden in Holzbaracken untergebracht.  Unsere Sippe bestand aus sieben Frauen und acht Kindern, wobei ich mit 14 Jahren der Älteste war.  Tante Alma hat dann alle Lebensmittelvorräte, die sie aus dem Laden noch mitgenommen hatte, an alle Verwandten verteilt.

Wir kamen vorübergehend für etwa zwei Wochen in ein Barackenlager der Lokomotivfabrik Schwarzkopf.  Als erstes hat meine Mutter den Lagerleiter darum gebeten, uns die Gewehre wegzunehmen.  Dann wurden wir entlaust und ärztlich untersucht, auch auf Läuse.  Wir bekamen Lebensmittelmarken.  Dieser Zuwachs an Flüchtlingen stellte die kleine Fabrikarbeitergemeinde von ca. 3.000 Einwohnern und zusätzlich 3.000 Fremdarbeitern vor gewaltige Versorgungsprobleme.  Anschließend wurden wir in Privatwohnungen untergebracht.  Wir kamen mit drei Familien (8 Personen) im Dachgeschoss der Villa des Fabrikdirektors Stamm unter.  Dort hatten wir es warm und sogar eine kleine Küche.  Toilette und Badewanne mussten wir mit dem Direktor zusammen benutzen.  Er war meistens im Werk, und seine Frau war schon „zu Besuch“ bei Verwandten in Westdeutschland.  Wir fünf Jungen, alle etwa im gleichen Alter, begannen dann, die neue Umgebung zu erkunden.  Die nachfolgenden Russen waren noch für einige Wochen an der Oder aufgehalten worden.  Meine Mutter bat den Direktor Stamm, ob er mir nicht eine Arbeit im Werk besorgen könne, damit ich von der Straße käme.  Sie meldete mich zur Kaufmännischen Handelsschule von Dr. Großstück in Königswusterhausen zum Abendkursus an.  So fand ich mich schon am nächsten Tag als Praktikant in Blauleinen in der Lehrlingswerkstatt wieder.  Als erste Arbeit musste ich einen dicken Eisenklotz 1 cm rechtwinklig feilen, in meinen Augen eine sinnlose Arbeit.  Später kam ich an die elektrische Eisensäge und musste von einem langen Rohr dünne Eisenringe abschneiden.  Die wurden dann in der Schweißerei zu Panzerfausthaltern für die Fahrräder des Volkssturms verarbeitet, die letzte Wunderwaffe des Führers gegen die russischen Panzer.  Jeder Werksangehörige bekam einen Ausweis, den er dem Werkschutz beim Betreten und Verlassen des Werkes vorweisen musste.  Außerdem mussten alle Mitarbeiter sichtbar in einer Hülle einen Button mit dem Namen und in der Farbe ihrer Abteilung tragen.  Niemand durfte ohne Genehmigung eine fremde Halle betreten.  Nachts haben wir meistens im Keller oder im kurz zuvor erbauten Luftschutzstollen geschlafen, da in und um Berlin herum viele Bomben abgeworfen wurden. 

Kriegsende 1945

Am 2. April hörten wir dann das Donnern der näherkommenden Kanonen und Panzer und gingen in den Stollen, 40 Meter tief unter der Erde.  Bald darauf kam ein Trupp deutscher Soldaten durch den Stollen, und meine Tante sagte zu ihnen: „Macht, dass ihr wegkommt, die Russen sind schon da.“  Aber ein Soldat erwiderte: „Wir sind SS und keine Wehrmacht, wir kennen keine Angst.“  Kurz darauf kamen dann die Russen und trieben uns nach draußen.  Da wurden alle Männer aussortiert.  Mich wollten sie auch mitnehmen, aber meine Mutter schimpfte auf Polnisch mit ihnen, dass ich noch ein Kind sei, da ließen sie mich bei ihr.

Die Fremdarbeiter verließen ihr Lager und plünderten den Ort Wildau völlig aus.  Dann zogen sie in ihre Heimatländer.  Auch an Direktor Stamm, den die Russen mitgenommen hatten, meinten sie Rache nehmen zu müssen, und zündeten die Direktorenvilla an, die bis auf die Kellermauern niederbrannte.  Dadurch verloren wir auch noch die letzten Kleidungsstücke und das Geschirr, das uns Tante Martha aus Berlin gebracht hatte.  Tante Hilda aus Berlin hatte selber nichts mehr, da sie ausgebombt war und mit ihrer Familie in einer notdürftig reparierten Ruine lebte.  Die zweite Plünderungswelle brach durch die russischen Nachschubsoldaten mit ihren kleinen Panjewagen über uns herein.  Da wurde ich auch noch meine Stiefel los und musste ein freundliches Gesicht dazu machen.  Den Pelzmantel ließ man mir, weil der Mai schon sehr warm war.  Er hat mir in dem kommenden Winter als Zudecke nachts gute Dienste geleistet.  Wir wurden durch den Bürgermeister bei einem älteren Ehepaar untergebracht, das uns ein Zimmer abgeben und in seiner Küche kochen lassen musste.  Wasser und Strom gab es nicht.  Zur Verrichtung unserer Notdurft mussten wir in die Büsche der Dahmewiesen gehen.  Onkel Fritz und Tante Trudchen hatten es noch am besten getroffen, sie wohnten allein in einer Gartenlaube.  Hier tagte dann auch regelmäßig der Familienrat, zog Bilanz und plante die weitere Zukunft.  Onkel Fritz hatte noch mit erfrorenen Füßen flüchten und sich bis Wildau durchschlagen können.  Onkel Alfred war mit Pferd und einer Kutsche von Gnesen bis Frankfurt/Oder und die letzten 100 km zu Fuß nach Wildau gekommen.  In den letzten Kriegstagen war er noch nach Hannover eingezogen worden und galt seitdem als vermisst.  Onkel Rudi galt schon längere Zeit nach Kämpfen mit Partisanen in Jugoslawien als vermisst.  Onkel Hermann war in amerikanischer, mein Vater in Sibirien in russischer Gefangenschaft.  In Wildau kursierte das Gerücht, der Bürgermeister sollte zum sowjetischen Ortskommandanten gesagt haben, er solle doch die vielen Schwarzmeerdeutschen wieder nach Russland zurückschicken, besser auch gleich alle Flüchtlinge in die Sowjetunion bringen, da er sie nicht ernähren könne.  Daraufhin haben wir eine zweirädrige Karre organisiert, unser Gepäck darauf geladen und sind die 50 km nach Berlin gezogen.  Unterwegs brach ein Rad, und jeder musste bei der Hitze seinen Rucksack selber tragen.  So standen wir unverhofft bei Tante Martha in Wilmersdorf vor der Tür.  Glücklicherweise war ihre Nachbarin verreist, und wir konnten deren Wohnung mitbenutzen, da sie den Schlüssel bei Tante Martha abgegeben hatte.  In Berlin gab es für uns keine Zuzugsgenehmigung und keine Lebensmittelkarten, und nun musste jeder seinen eigenen Weg gehen.  Tante Anni beschloss, mit ihren beiden Kindern in den Westen zu gehen, ebenfalls Tante Else und Frau Schiewe, die im Laden zusammengearbeitet hatten.  Onkel Fritz und Onkel Hermann übernahmen jeder eine 20 Morgen große Siedlerstelle des aufgeteilten Gutes in Klotzen bei Rathenow, wo sie im Schloss wohnen konnten.  Tante Irma und meine Mutter beschlossen, nach Frankfurt/Oder zu ziehen, wo sie hofften, bei Verwandten unterzukommen.  Wir fuhren die 80 km in zwei Tagen und einer Nacht auf einem Güterzug, der mit demontierten Maschinen in Richtung Sowjetunion rollte und wurden unterwegs ständig von plündernden Polen und Russen belästigt, die meine Mutter mit polnischen Schimpfwörtern verscheuchte.  In Hohenwalde gab es keine Möglichkeit für uns, da das Elternhaus meines Vaters schon bis unters Dach voll belegt war. 


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Band 15

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Deutsche Schicksale um 1945

Wir zahlten für Hitlers Hybris

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