Graal-Müritz 1945

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Graal-Müritz (Meckl) 1945 unter sowjetischer Herrschaft

  1945 in Graal-Müritz unter den Russen    

Kriegsende 1945 in Graal-Müritz (Meckl)

und die erste Zeit der sowjetischen Besatzung

Maria-Eva von Nerling,  * 1920 in Tallinn, 2001 

Die Familie von Nerling stammt aus Reval / Tallinn (Estland), wo vor dem 2. Weltkrieg Deutsche mit Esten, Russen und Juden friedlich miteinander gelebt hatten.  Nach dem Hitler-Stalin-Pakt war die Familie 1939 im Zuge der Aktion "Heim ins Reich" umgesiedelt worden und lebte bis kurz vor Kriegsende in Rauden bei Dirschau in Westpreußen.  Nach einem Versuch, mit einem Pferdefuhrwerk auf dem Landweg zu fliehen, waren sie zur Umkehr nach Danzig gezwungen gewesen und konnten sich noch in Gotenhafen einschiffen.  Maria von Nerling war damals 24 Jahre alt und mit zwei kleinen Kindern - Erik und Wolfgang - und ihren Eltern auf der Flucht.  Ihr Mann war als Soldat in Ostpreußen stationiert gewesen; zum Zeitpunkt dieser Geschehnisse hatten sie den Kontakt verloren.

Den Anfang dieser Erinnerungen schrieb die Tochter Eva als Gedächtnisprotokoll nach Telefonat; die restlichen Aufzeichnungen hat Maria von Nerling selber gefertigt; inzwischen nahm ihr der Tod den Stift aus der Hand.

Nach der Flucht per Schiff von Gotenhafen: „Wir gingen in Warnemünde an Land.  Es war uns schon gelungen, einen Zug nach Hamburg zu finden, da mussten wir wieder aussteigen, denn meinen beiden kleinen Jungen ging es gesundheitlich sehr schlecht.  Die Jungen hatten sich mit Diphterie infiziert, nachdem sie schon durch den Hunger und durch die Kälte auf dem Pferdefuhrwerk geschwächt waren.

Ich brachte den kleineren in einem Krankenhaus in Rostock unter, den größeren, auch noch keine vier Jahre alt, im Kinderkrankenhaus in Graal-Müritz (heute Krebs-Nachsorgeklinik).  Wir waren im Schulhaus untergebracht. 

Die Einheimischen waren auch alles andere als glücklich über die Einquartierung der Flüchtlinge und machten ihnen ihr Los nicht leichter.

Eine Pflegerin oder Schwester im Kinderkrankenhaus hieß Elli Etzold und war damals etwa 40 Jahre alt.  Ich freundete mich etwas mit ihr an.  Dann starb mein Kind Erik in Rostock; nur mein Vater, der Totengräber und ich waren sein Geleit ans Grab.

Ich betete zu Gott, er möchte mir das andere Kind lassen.  Ich sah einmal verbotenerweise durch die Glasscheibe der Station, und Wolfgang entdeckte mich und weinte.

Als er aber auch starb, nur kurz nach Erik, da hatte ich keine Tränen mehr.  Elli herrschte mich an: „Weinen Sie doch!”  Das kränkte mich, aber weinen konnte ich nicht.

In Graal wohnten wir anfangs noch in einem Hotel, wo es sogar noch etwas zu essen gab: Bratkartoffeln und Sülze.  Im Speisesaal hingen die Bilder von sämtlichen Nazigrößen.  Es war auffallend, dass diese Bilder nach und nach verschwanden.  Nicht alle auf einmal, nein - aber jeden Tag war da eins weniger.

Die Gäste dieses Hotels waren fast sämtlich junge Mütter mit demselben Schicksal.  Man konnte es ihnen ansehen, wenn wieder ein Kind gestorben war.  Diese Frauen aßen nicht, sie weinten still vor sich hin.  Die anderen hofften noch.  Der Besitzer dieses Hotels erschien auch eines Tages, es hieß von ihm, er wäre Kommunist gewesen und hätte sein Parteibuch lange Zeit versteckt gehalten.

Wir bekamen dann ein Zimmer in der Volksschule in Müritz.  Der Leiter dieser Schule war ein Herr Knoop, ein stiller, in sich gekehrter Mensch.  Seine Frau hieß Mariechen und war das ganze Gegenteil: laut, lebhaft und quirlig.  Sie wusste immer das Neueste vom Tage.  Die Knoops nahmen uns nicht ungern auf, denn sie hatten dadurch einen großen Vorteil: Ihnen wurde von den Russen nichts weggenommen.  Wir, die ach so ungeliebten Flüchtlinge, konnten sie aufgrund unserer Sprachkenntnisse vor Plünderung bewahren, denn in Estland war es mehr oder weniger selbstverständlich gewesen, dass man Russisch sprach.

Die Russen kamen dann am 2. Mai 1945.  Vorher waren endlose Kolonnen von deutschen Truppen durchgezogen, darunter auch ein LKW mit Jugendlichen, - nein - Kindern!  Alle diese Jungs riefen flehentlich nach einem Feldwebel, der sie "betreute".  Er war nur einen Augenblick abgestiegen und fragte uns nach dem Weg zum Darß, wo er diese Kinder, deren älteste vielleicht 14, 15 Jahre alt waren, verstecken sollte.  Er war wie ein gütiger Vater zu ihnen.

Wie gesagt, am 2. Mai verlief der Tag noch relativ ruhig, aber wir waren doch sehr aufgeregt.  In der Nacht, gegen 4 Uhr morgens, lautes Klopfen an unserer Tür.  Herein kamen drei oder vier finster blickende Rotarmisten.  Wir wussten nicht, was tun: Sollten wir uns als Balten zu erkennen geben oder nicht.  Meine energische Mutter sprach als erste, und zwar russisch.  Man zeigte keine Überraschung, aber dann kam gleich die Frage: „Wie seid ihr hierhergekommen?”  Meine Mutter antwortete: „1939”, als der Hitler-Stalin-Pakt geschlossen wurde, wobei Hitler die Deutschen bekam und Stalin das Land kassierte.  Aha.  Das war ihnen bekannt.  Sie stellten dann noch einige Fragen, u. a.: “Wer ist er?”, mit Blick auf meinen Vater, der still auf seinem Bett saß, denn er war herzkrank und hatte gerade einen Herzanfall gehabt.  „Warum sagt er nichts?  Kann er kein Russisch?”  Meine Mutter erklärte alles.  Die Frage nach mir war schnell beantwortet.  Danach gingen sie wieder.

An Schlafen war nicht mehr zu denken.  Gleich danach erschien Mariechen Knoop, völlig aufgelöst, aber doch zufrieden, weil ihr nichts weggenommen worden war.  Am nächsten Tag waren wieder irgendwelche Fronttruppen erschienen und machten bei der Schule Rast.  Frau Knoop wurde dazu verdonnert, für ca. 20-30 Mann zu kochen.  Wir gingen auch runter, um zu dolmetschen, und bekamen einen Teller Suppe.  Zwei Offiziere unterhielten sich mit meiner Mutter.  Sie sagten, sie wären Fronttruppen und würden sich "anständig" benehmen, aber die, die nach ihnen kämen, wären ganz "anders". „Du, pass auf deine Tochter auf”, sagten sie, „und behüte sie!”

In der Tat ging danach die Jagd auf die Frauen jeden Alters los.  Auch die Plünderungen nahmen zu.

Der in Moskau lebende jüdische Schriftsteller Ilja Ehrenburg hatte mit Billigung der Parteiführung an die Rote Armee einen flammenden Aufruf etwa folgenden Inhalts gerichtet: „Raubt, mordet, vergewaltigt so viel wie ihr wollt!”  Der Gedanke an Rache war bei ihm die treibende Kraft.  Absolut verständlich, weil man ja weiß, was in Deutschland mit den Juden geschehen war.  Aber wie so oft, mussten nun Unschuldige darunter leiden.  Diese Untaten der russischen Soldaten waren aber schon so sehr ausgeufert, dass sie überhaupt nicht aufhören konnten.  Dann kam der Gegenbefehl, und ab sofort wurde es etwas besser. Vorher aber flüchtete ich mich ins Lazarett, wo auch noch andere junge Frauen waren.  Wir legten uns auf die freien Betten zwischen den Verwundeten und waren dort relativ sicher.

"Gitler kaputt" - Am 8. Mai wurden großartige Siegesfeiern gehalten.  Die Sieger waren wie in einem Rausch.  Überall wurden Plakate aufgerichtet: "Wir haben gesiegt!" - "Unsere Tat war die rechte!" (wörtlich übersetzt) - "Dem großen Stalin sei Ruhm und Preis!" u. Ä.

In jenen Tagen war es ratsam, überhaupt nicht auf die Straße zu gehen.  Einheimische und Flüchtlinge waren gleichermaßen in Gefahr.  Neben diesen Ereignissen spielten sich erschütternde Szenen ab, und Selbstmorde waren an der Tagesordnung.

Einen solchen Fall habe ich selbst erlebt.  Eine Mutter von zwei 17-19jährigen Mädchen, die sich nach mehrfachen Vergewaltigungen das Leben genommen hatten, brachte sich ebenfalls um.  Wir jungen Frauen hielten uns dabei in der Villa von Nina Leonhardt auf, die mit einem Arzt verheiratet war.  Sie stammte auch aus Reval.  Sie und ihre Eltern sprachen russisch.  Ab und zu erschienen einzelne Soldaten, die sich umsahen, aber wieder verschwanden, als sie in ihrer Muttersprache angeredet wurden.  Wahrscheinlich guckten sie nur, ob sie was "abstauben" konnten.

Wir hielten uns meist in der Küche auf, und alle diese Frauen steckten sich gegenseitig an mit ihrer Angst.  Sie banden sich Küchenhandtücher um den Kopf und schwärzten sich die Wangen mit Russ.  Auf diese Art glaubten sie, ihrem Schicksal entgehen zu können.  Ich wurde aufgefordert, es ebenso zu tun, was ich auch anfänglich tat.  Doch dann war mir das zu dumm.  Ich riss die Handtücher runter und reinigte mein Gesicht.  Mich hässlich zu machen, war noch nie meine Sache gewesen.  Ich wusste nun, dass die Kenntnis der russischen Sprache mein einziges Kapital war, das ich erfolgreich anwenden konnte, und so konnte ich auch meine Mitschwestern beschützen.

Eigentlich ging alles mehr oder weniger lautlos vor sich.  Man hörte keine Schreie, nur das laute, herrische Sprechen der Besatzer.

Verwundete, die schon auf dem Wege der Besserung waren, standen in kleinen Gruppen herum.  Die Sonne schien warm.  Es war der schönste und wärmste Frühling, und doch konnte man ihn nicht genießen.

Am folgenden Tage traten die deutschen Kommunisten auf den Plan.  Alle jüngeren Frauen, die keine Kinder hatten, wurden zur Arbeit geschickt.  Leider hatte ich kein Glück, denn ich wurde einer Gruppe zugeteilt, die im Walde arbeiten musste, natürlich unter Bewachung von Soldaten.  Solange wir Laub und Zweige zusammenharken mussten, war die Arbeit leicht.  Ich merkte aber, dass ich beobachtet wurde, und hörte, wie einer zu seinem Kameraden sagte: „Schau, dieses Mädchen arbeitet aber gut!”  Ich überlegte blitzschnell, ob ich mich zu erkennen geben sollte.  Es erwies sich in der Folge aber als notwendig, und so ergab sich dann nach anfänglichem Staunen und den gewohnten Fragen ein freundliches Gespräch.  Beim Transportieren von Baumstämmen musste ich allerdings passen.  Ich fühlte mich an dem Tage nicht gut, und da war es wiederum ein sehr netter deutscher Verwundeter, der diese Arbeit für mich machte.  Nie im Leben hätte ich geglaubt, dass ein mittelgroßer Baumstamm so schwer sein konnte!  Ich bekam davon Schmerzen im Unterleib und weigerte mich weiterzumachen.  Die Russen ließen das zu.  Insofern gehörte ich zu den Privilegierten, was ich gar nicht wollte, aber mir war meine Gesundheit wichtiger.

Ein anderes Mal schickte man mich zu einem alten Mecklenburger, einem Junggesellen.  Ich sollte ihm seine Wohnung putzen.  Wie immer gab ich mir Mühe.  Doch dieser "Pütjer" war nicht zufrieden und fand immer neue Stellen, von denen er meinte, sie wären nicht sauber.  Da sehnte ich mich - ich muss es gestehen - nach meinen großzügigen russischen Arbeitgebern.  Immerhin setzte er mir zum Lohn eine Scheibe Brot mit Schinken vor.

Ein andermal arbeiteten wir - eine Gruppe von Frauen - an einem Waldrand, wo eine Gruppe von Soldaten ihr Lager hatte.  Wir hatten Kartoffeln zu schälen, und dann schickte man uns auf eine große Wiese, um dort Sauerampfer zu pflücken.  Der riesige Suppenkessel hing über offenem Feuer.  Der Koch war ein kleiner rothaariger Jude mit abstehenden Ohren, der sich mit uns in jiddisch unterhielt.  Man möge mir verzeihen, wenn ich das aufschreibe, was er sagte. Wir mussten lachen, weil es so komisch war, wie er es sagte.  Es war todernst, wir aber glaubten es ihm nicht, weil wir es für Propaganda hielten.

Er sagte: "Sind gekommen deitschische Soldaten, haben geschießen auf Frauen und Kinder."  Dann sprach er noch von perversen Grausamkeiten an Frauen, was ich auch heute noch nicht zu glauben vermag, jedenfalls nicht von der Wehrmacht, allenfalls von der SS.

Während wir unsere Kartoffeln schälten, erschienen immer wieder irgendwelche Rotarmisten.  Einer von denen sprach uns an.  Es war ein ganz fescher, arroganter Typ, und ich traute meinen Ohren nicht: Er sprach ein reines, unverfälschtes Österreichisch.  Es hätte mich schon interessiert zu erfahren, wie er zu dem Haufen gestoßen war, aber ich fragte ihn nicht.

Unsere Lage wurde, was die Ernährung anbelangt, immer prekärer.  Doch da nahte die Rettung, wieder in Gestalt eines Russen.  Er stand an einer Wegkreuzung am Rande des Waldes zwischen Graal und Müritz.  Ein junger, hübscher Unterleutnant, offensichtlich erwartete er jemanden.  Meine Mutter sprach ihn an.  Sie hatte sich in dieser schweren Zeit in eine Bettlerin verwandelt, wobei sie aber stets ihre Würde bewahrte.  Sie war es, die uns vor dem Schlimmsten bewahrte.  Mein Vater und ich konnten das nicht.

Der Unterleutnant war sehr freundlich und höflich.  Er war der Kommandeur einer Kosaken-Kompanie, Kuban-Kosaken.  Er beschrieb uns das Haus, in dem die Kosaken wohnten.  Es war das letzte Haus (mit einem Türmchen) in Müritz, an der Straße, die zum Strande führte.  Er sagte: „Mütterchen, schick deine Tochter dorthin, sie soll sich beim Koch melden und ihm in der Küche helfen.”  Wir bedankten uns und gingen wieder.  Aber wir waren danach sehr nachdenklich.

Am nächsten Morgen kurz vor 8 Uhr marschierte ich los.  Es war nicht weit von der Schule, in der wir wohnten.  Vor dem Kosakenhaus lungerten zwei Mann herum.  Ich grüßte, sie grüßten sehr erstaunt wieder.  Ich fragte, wo ich die Küche finde, und sie brachten mich dorthin.  Der Koch hatte mich wohl schon erwartet.  Er war mir sofort unsympathisch, und schon ging's los. „Marusja, wenn du hier arbeiten willst, dann musst du mit mir spazierengehen, sonst brauchst du gar nicht anzufangen.”  Der Ausdruck "spazierengehen" war das Synonym für das deutsche "schlafen".  Ich ließ mich aber nicht einschüchtern und ging, ohne was zu sagen, zum Zimmer des Kompaniechefs.  Dem berichtete ich von meinem Kummer.  Ich war äußerlich ruhig, aber innerlich voller Angst.  Ich sagte mir: „So einen guten Job findest du nicht wieder.”  Und da sagte dieser gute Mensch (oder war es mein Schutzengel?): „Gut, Marusja, geh jetzt nach Hause und komm morgen früh wieder her!”

Am nächsten Morgen begab ich mich erneut in das Kosakenhaus.  Doch in der Küche erwartete mich eine Überraschung.  Ein alter Baschkire empfing mich freundlich.  Er hieß Valentin und war zu mir wie ein Vater.  Die Zusammenarbeit klappte ausgezeichnet.  Nie war er ungeduldig, aber stets zu kleinen Scherzen aufgelegt.  Manchmal tat er so, als wollte er Deutsch lernen. Da er schon ziemlich alt war, setzte er sich öfter hin.  „Was heißt auf deutsch 'ustal'?”  Ich sagte es ihm: "müde."  Er konnte es nicht aussprechen und wiederholte es ein ums andere Mal.  Aber es kam immer dasselbe heraus: "mjude."  Da gab er's auf.

Zu essen gab es jeden Tag dasselbe: Rindfleischbrühe mit Kartoffeln.  Das wurde in einem großen Wurstkessel gekocht, meist ohne Suppengemüse, weil es das selten gab.  Das Fleisch wurde nach dem Garwerden in kleine Stücke geschnitten.  Von der Küche in den Speisesaal gab es eine Durchreiche, von wo sich jeder Mann seinen Teller Suppe holen konnte.  Meist saßen die Männer schon am Tisch, bevor das Essen ganz fertig war.  Dann schrien einige ungeduldig: „Marusja, supu dawai!”

Sehr erstaunte es mich, dass ich für den Kompaniechef ein Extraessen zubereiten musste, nämlich Bratkartoffeln und Frikadellen.  Das musste ich ihm aufs Zimmer bringen.  Die Bratkartoffeln musste ich aus rohen Kartoffeln machen.  Interessant war, dass er niemals alles aufaß.  Es galt als unfein, wenn man den Teller leer machte, was darauf hindeuten konnte, dass man zu gierig war.  Diese Sitte oder Unart kannte ich schon aus meiner Heimat, dem Baltikum.

Den Namen des Kommandanten habe ich nicht vergessen.  Er hieß Kalesnikow und stammte aus Worónesch.  Er hatte eine deutsche Freundin, die ich aber nie zu Gesicht bekam.  Alle diese Offiziere hatten sich deutsche "Nebenfrauen" zugelegt.  Wer wollte ihnen das verdenken, ihnen, den Männern, und auch den Frauen, die nicht wussten, wie sie ihre Kinder ernähren sollten.

Es war durchaus nicht so, dass die Kosaken über große Vorräte verfügten.  Auch bei ihnen gab es Engpässe und Versorgungsschwierigkeiten.  Wenn etwas fehlte, wurde kurzerhand requiriert.  Aber es ist ja allseits bekannt, dass Russen nicht wirtschaften können.  Andererseits haben sie diese "schirokaja natura", die großzügige Natur.  Unserem Koch Valentin passierte das Missgeschick, dass das Rindfleisch schlecht wurde, und er musste es vergraben.  Doch das erwies sich für ihn als Katastrophe.  Da er nichts anderes hatte, musste er eine Art Wassersuppe mit viel Kartoffeln und einer Dose Bohnen servieren.  Die Leute waren wütend und beschimpften mich für dieses Malheur.  „Marusja!  Ist es bei euch üblich, so eine Suppe zu essen?”

Der arme Valentin wurde sofort von seinem Amt dispensiert, und irgendein anderer wurde an seine Stelle gesetzt.  Das machte mich ganz traurig, denn er tat mir sehr leid.  Zu meiner großen Freude war er nach zwei Tagen wieder da, und auch eine neue Kuh war organisiert worden.  Ähnlich ging es ihm mit dem Schwarzen Tee.  Doch er wusste, wie man aus Sauerkirschzweigen Tee kochen konnte.  Das wurde ihm wenigstens nicht als ein Vergehen angekreidet.

Pjotr Michailowitsch Schowkun war ein von der Krim stammender Tatar.  Er war ca. 30 Jahre alt und einer der freundlichsten und gütigsten Menschen, die ich damals kennenlernte.  Seine Frau war bei einem Angriff auf Simferopol umgekommen.  Er hatte sich hoffnungslos in mich verliebt und wich mir nicht von der Seite.  Leider vermochte ich seine Gefühle nicht zu erwidern und habe ihn furchtbar enttäuscht.  Er besuchte uns manchmal in der Müritzer Volksschule und unterhielt sich ausgiebig mit meinen Eltern, denen er respektvoll begegnete.  Durch ihn erfuhren wir auch, dass die Stadt Thorn von eben diesen Kosaken erobert worden war.  Der kluge deutsche Kommandant hatte diese schöne alte Ordensstadt kampflos übergeben, und so war alles heil geblieben.

Schowkun hatte eine wunderschöne Tenorstimme.  Als Funker hatte er nicht sonderlich viel zu tun, und so sang er die schönen, meist alten romantischen Lieder, sogar vor dem Küchenfenster, hinter dem ich stand und arbeitete. 

Einmal setzte ich mich ans Klavier, das im Speisesaal stand, und spielte die Zarenhymne.  Es war vielleicht ein wenig provokant, aber ich wollte mal sehen, wie die Leute, die da zusammensaßen, reagierten.

Es passierte gar nichts.  Die meisten lasen ihre Zeitung, keiner guckte auf.  Es wurde für mich ein absoluter "Flop".

Doch dann zogen die Kosaken weiter.  Irgendwie bedauerte ich das.  Nicht allein, weil ich meinen guten Job los war, nein, auch wegen einiger Menschen, denen ich begegnet war und die einfach gut zu mir waren.

Ich wurde dann noch zu gelegentlichen Arbeiten eingesetzt, wobei die eine besonders aufregend war.

Zuvor aber geriet meine Mutter in eine schlimme Situation.  Es gab in Graal so eine Art Suppenküche, wo man hingehen konnte, um sich was zu holen.  Ich habe keine Ahnung mehr, auf wessen Initiative das geschah, und es wurde auch gar nicht publik gemacht.  Meine Mutter ging zufällig dort vorbei und sah mehrere Frauen in der Schlange stehen.  Zwei betrunkene Russen wollten sich ein sehr junges Mädchen holen und wegzerren.  Es gab Geschrei und Rangelei.  Meine Mutter griff sofort ein, denn sie bemerkte auch das verzweifelte Gesicht der Mutter des Mädchens.  „Laufen Sie weg!”, sagte sie zu Mutter und Tochter, die sofort verschwanden.  Doch dann bekam sie es mit der Wut der beiden Soldaten zu tun.  „Was! Du, eine Russin, verteidigst noch diese Deutsche!?” - und schon hob der eine seine Reitpeitsche, um sie zu schlagen.  Da er aber zu betrunken war, schaffte er es nicht.  Meine Mutter fing nun ihrerseits an zu laufen, die beiden Russen hinterher.  Sie kam atemlos an der Schule an.  Herr Knoop schloss gleich seinen Schuppen auf, und ich versteckte meine Mutter dort zwischen Strandkörben.  Aber zum Glück waren die beiden Russen zu blau und hatten es nicht vermocht, sie weiter zu verfolgen. 

Dann eines Tages aber kommandierte man mich in einer Gruppe von meist jungen Frauen in ein Russenhaus.  Wir sollten Wäsche waschen.  Das taten wir auch, draußen, Stunde um Stunde.  Nun gesellte sich aber ein junger, bildhübscher Asiat zu mir.  Er hatte gehört, dass ich russisch verstand, und sprach mich an.  Er sah anders aus als diese kleinen, finsteren Kasachen.  Ich fragte ihn: „Wo kommst du her?”  Er meinte: „Ach, Du weißt ja sowieso nicht, wo das liegt!”  Darauf ich: „Kommst du vielleicht aus Turkestan?”  Er starrte mich an mit dem Ausdruck größten Erstaunens.  Ich: „Bist du vielleicht aus Termes?”  Nun war seine Verblüffung komplett: „Ja, ja, ich bin aus Termes, aber woher weißt du das?”  Ich wusste es natürlich nicht.  Ich hätte auch Taschkent sagen können oder Samarkand.  Aber ich nannte ausgerechnet Termes, den Geburtsort meines Mannes, an der Grenze zu Afghanistan.

Dazu muss ich erläutern, dass mein Mann im Jahre 1916 dort geboren worden war.  Sein Vater war Offizier gewesen und hatte sich während des russisch-japanischen Krieges 1905 durch irgendwas hervorgetan, wofür er mit einem Stück Land in Turkestan belohnt wurde.  Er war Deutschbalte und stammte aus Petersburg.

Nach dieser kurzen Unterbrechung sah man uns Frauen immer noch an den Waschbottichen stehen.  Eine nach der anderen verschwand, sobald sich die Gelegenheit bot.  Es fing schon an zu dunkeln, und die Stimmung war schlecht.  Der junge Mann aus Turkestan mit Namen Pjotr war auch noch da und forderte mich auf, mit ihm wegzugehen.  Er ließ durchblicken, was die Offiziere mit uns vorhatten.  Eine innere Stimme warnte mich aber, mit ihm wegzugehen.  Wir waren nur noch vier oder fünf Frauen, darunter ein sehr hübsches siebzehnjähriges Mädchen, vor Angst ganz erstarrt.  Die tat mir wahnsinnig leid.  Ich fing an, Lieder zu singen, um die Frauen etwas abzulenken, aber keine sang mit.  Als es dann ganz dunkel war, so gegen elf Uhr, hieß es auf einmal: „Zum Essen kommen!”  Wir gingen ins Haus, und man hieß uns, uns an einen Tisch zu setzen.  Wir bekamen Tee und Brot mit irgendeinem Belag.  Die meisten weigerten sich, etwas zu essen, so auch das junge Mädchen.  Ich beobachtete die Offiziere, die - bestimmt zehn Mann - uns gegenüber standen und leise miteinander redeten, was ich nicht kapierte, und uns nicht aus den Augen ließen.

Ich selbst hatte keine Angst.  Ich dachte nur immer: „Meine Mutter soll kommen, meine Mutter soll kommen!”  Endlich, gegen Mitternacht, kam meine Mutter tatsächlich.  Die Tür ging auf, und sie kam herein mit einem liebenswürdigen Lächeln, so, als wäre sie zu einer Party zu spät gekommen.  Sie sagte: „Aber meine Herren, was sind denn das für Sitten?!  Sie lassen diese jungen Frauen in der Nacht arbeiten!  Bitte geben Sie sie sofort frei!  Diese Methoden sind doch eines Offiziers der Roten Armee nicht würdig!”

Das saß.  „Bitte!” hieß es, „wir halten niemanden zurück.  Die Mädchen können gehen.”

Das aber gefiel dem Major, der es auf mich abgesehen hatte, gar nicht.  Er bat nun meine Mutter und mich in sein Zimmer und redete auf uns ein.  Es war Stuss, was er sagte, aber er machte noch einen letzten Versuch.  Auf einmal versuchte er, uns einzuschließen.  Da aber mein Instinkt inzwischen wachgeworden war, stellte ich meinen Fuß blitzschnell zwischen die Tür und konnte mich befreien.  Da er etwas angetrunken war, reagierte er zu langsam.  Meiner Mutter legte er keine Hindernisse in den Weg.

Vor der Tür warteten bereits ein paar Frauen, wir gingen schnell weg und wurden auch nicht mehr aufgehalten.  Wir entfernten uns so schnell, wie es ging in der Dunkelheit.

In Gelbensande wurde ich später im Sägewerk von Spiegelberg zur Arbeit eingeteilt (heute der Baumarkt nah der Bundesstraße).  Damals wurden Frauen und Verwundete zu Waldarbeit eingesetzt und mussten Bäume fällen.  Wer essen wollte, musste arbeiten.

Wir konnten uns ja mit der sowjetischen Kommandantur recht gut verständigen.  Der erste Kommandant hieß Akimov.  Er war ein sehr freundlicher Mann.  Ihm folgte ein anderer, dessen Namen ich nicht mehr weiß, ein finsterer Kasache.

Eines Tages hatte ich bei Akimow zu tun, ich weiß nicht mehr, was mein Anliegen war.  Er zeigte mir einen Stapel Briefe: sämtlich Denunziationen deutscher Bürger in seinem Kommandanturbezirk gegen andere Deutsche.  Viele wollten sich offenbar durch solche Schreiben reinwaschen und von sich selber ablenken, vermute ich.

Die Vergewaltigungen liefen zum Teil als regelmäßige Besuche bei Frauen ab.  Eine Flüchtlingsfrau, mit der ich mich angefreundet hatte, hatte einen Sohn von sechs oder sieben Jahren.  Der eine ihrer Besucher nahm Rücksicht und wartete, bis das Kind schlief; der andere war oft betrunken und stürzte sich gleich auf sie.  Im Krankenhaus befanden sich viele Frauen, die durch die Besatzer mit Geschlechtskrankheiten infiziert worden waren.

Es schien, dass die Russen die Krankenschwestern respektierten und sich nicht an ihnen vergriffen.  Jedenfalls geschah es einmal im Krankenhaus, als ich die Treppe hinaufging, dass ein Rotarmist, den ich am Akzent als Ukrainer erkannte, mich fragte: „Bist du eine Schwester?” Ich antwortete auf Russisch: „Ja”, und er ließ mich unbehelligt weitergehen.  Offenbar war ihm nicht einmal aufgefallen, dass ich ihn verstanden und auf Russisch geantwortet hatte.

Es gab im Ort zwei Frauen, die fungierten quasi als Blitzableiter und lenkten die Rotarmisten von den anderen Frauen ab, indem sie sich selber anboten.  Sie waren wohl auch früher schon Prostituierte gewesen; so wurden sie dann sicher in Naturalien bezahlt.

An der Ecke der Straße, in der das Krankenhaus war, dort, wo man zum Strand abbog, lag eine ehemals prächtige Villa, in der die Kosaken wohnten.  Sie machten Tee aus der Rinde von Sauerkirschzweigen, die musste ich manchmal sammeln.  Das war die Art der Baschkiren, Tee zu machen, sie sind ein sehr fröhliches Turkvolk und lachten mehr, als ich es je bei Leuten erlebt habe."

In Gelbensande gab es auch ein Typhuskrankenhaus, in dem es täglich Todesfälle gab.  Ich hatte gehört, dass es dort zusätzliche Lebensmittel gab, und meldete mich als Aushilfskraft.  Unsere Lage war damals katastrophal, was die Ernährung anbelangte.  Es gab buchstäblich nichts zu kaufen.  Aber der Leiter dieses Krankenhauses, ein Dr. Hoffmann, außerdem ein Landsmann von uns, wollte mich nicht beschäftigen.  Er meinte, die Ansteckungsgefahr wäre zu groß.

Schon als wir noch in Graal wohnten, waren wir ständig auf der Suche nach etwas Essbarem.  Dabei entdeckten wir im Walde ein verlassenes Depot der Wehrmacht mit vielen Kommissbroten, ein Geschenk des Himmels!  Das sprach sich natürlich schnell herum.  Wir hatten Glück, dass wir noch einige Brote erwischten.

Die Not war so groß, dass mich einmal eine Pflegerin im Kinderheim fragte, ob ich nicht Milch oder andere Nahrungsmittel für die Kinder hätte, die Kühe waren schon nach und nach geschlachtet worden.

Ja, so war es damals: Äußerlich sah in dieser Gegend alles einigermaßen heil und schön aus, aber im Inneren herrschten Not und schreckliche Zustände.

Meine Mutter bekam den Auftrag, in der Schule in Willershagen Russisch zu unterrichten.  Außerdem unterrichtete sie an der Universität Rostock ebenfalls Russisch.  In Willershagen, einem kleinen Dorf unweit von Gelbensande, weigerten sich die Kinder mitzumachen.  Sie wurden dabei von ihren Eltern unterstützt, denn niemand wollte damals die Sprache der Feinde, die sich doch so schlecht benommen hatten, lernen.  Das war absolut verständlich.  Große Erfolge konnte meine Mutter allerdings nicht vorweisen.  Sie versuchte es dann mit einfachen russischen Kinderliedern, und das klappte einigermaßen.

Mehr Erfolg hatte sie an der Rostocker Universität, wo sie es schließlich mit Studenten zu tun hatte, die es sich ausrechnen konnten, dass sie diese Sprache einmal brauchen würden.  Ihr damaliger Vorgesetzter war ein Doktor oder Professor (?) Babendererde, den sie stets lobend erwähnte.


 

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