Hammer 1945

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Bericht des Bauern Otto Falck aus Hammer - 1945 in Hinterpommern

1945: Flucht und Vertreibung aus den deutschen Ostgebieten

hier speziell:

Kriegsende in Hammer im Kreis Cammin in  Hinterpommern im März 1945


1945treck.jpg

   Flucht 1945  


Bericht des Bauern Otto Falck aus Hammer, Kreis Cammin, über die Vertreibung aus der pommerschen Heimat 1945

(Otto Falck ist 1969 verstorben)

camminkt.jpg

In der Mitte obiger Karte liegen die Orte, in denen sich die dramatischen Ereignisse dieses Berichtes ereigneten

Am 3.3.1945 kam bei mir der Anruf vom Orts-Kommandanten an: "Ab 15 Uhr darf die Reichsstraße 111 in Richtung Gollnow nicht mehr benutzt werden".

Es war ein Oberleutnant mit sieben Feldgendarmen, die den Treckverkehr regelten. Nun mußte die Treckrichtung umgeleitet werden. Da bin ich sofort mit dem Oberleutnant hingegangen und wir haben Stellen im Wald gesucht, wo die Trecks umwenden konnten; bis zum Dunkelwerden war das geschafft.

Nun waren aber andere Gäste gekommen, nämlich unsere zurückflutenden Truppen. In Lüttig`s Villa befand das Generalquartier der Auffangtruppen. Sonntag, den 4. März, kamen und gingen die Truppen. Der diensttuende Hauptmann vom Ortskommandanten, welcher bei mir in Logis lag, kam in der Nacht zum 5. März, gegen 1 Uhr. Auf meine Frage, wie es stehe und wann wir Räumungsbefehl erhielten, sagte er:

„ Wir können keinen Räumungsbefehl erteilen, das ist Sache der Partei, aber ich kann Ihnen raten, bringen sie sofort die Evakuierten aus dem Dorf“.

Ich deutete ihm an, dass es Sache der N.S.V. sei und setzte mich mit Lehrer Ewald in Verbindung, Ewald lehnte ab, jetzt in der Nacht. Gegen Morgen rief er jedoch an, dass die Evakuierten nach Kantreck zu bringen seien, welches dann von mir sofort gemacht wurde. Die Evakuierten sind dann mit der Kleinbahn, vielleicht auch noch mit der Großbahn gegen 10 Uhr am 5. März den Russen entkommen.

Morgens um 8.Uhr am 5. März waren Militär und Gendamerie plötzlich verschwunden, ohne uns auch nur irgendwie über die Lage aufgeklärt zu haben.

Alles war jedoch von meiner Seite zum Treck vorbereitet. Gegen 11 Uhr kamen nun schon landeinwärts von Kantreck, her die Trecks von Basenthin, Dischenhagen und Schwarzow. (Harmstorf ist zu Hause geblieben.)

Nun fuhren wir auch von Hammer los in Richtung Pibbernow. Der Treckweg sollte über Stepenitz in Richtung Wollin gehen. Bei Craseberg dwars (quer) durch den Wald , auf die Haff-Chaussee bis Altsarnow.

Da hieß es plötzlich: „In Wollin sind schon die Brücken gesprengt“. Wir drehten um und fuhren in Richtung Stepenitz in den Wald; es war jetzt bereits dunkel geworden.

Im Wald fütterten wir erstmals. Nun konnten wir bereits auf der Stepenitzer Chaussee viele Lichter erkennen. Wir wollten erkunden, was es war. Meine Tochter Elsbeth, der alte Raddü und ich gingen hin, kamen aber nicht an die Chaussee, weil die Gestelle alle parallel mit derselben liefen. Wir mussten es aufgeben, um nicht im Walde den Treck zu verlieren.

Wie sich später herausstellte, waren dies schon die vorrückenden Russen auf der Chaussee Pribbernow-Dabessow-Rissnow-Altsarnow. Zu unserem Glück hatten sie Feierabend gemacht.

Als wir nun wieder zum Lager kamen, spannten wir sofort an und fuhren auf der Haff-Chaussee nach Stepenitz. Stepenitz war dunkel und wie ausgestorben. Ich stellte fest, dass noch ein Dampfer fahrbereit im Hafen lag, ging zum Treck und machte allen klar, dass dies die letzte Möglichkeit wäre, raus zu kommen.

Wer rüber wollte, müsse sofort handeln.

Dann habe ich die Kinder aus meinem Treck, eins nach dem anderen auf den Nacken auf den Dampfer gebracht. Es war schwer, jeder wollte rüber, und es stand alles voll. Auch mich wollte die Polizei nicht rauf lassen. Ich sagte, dass ich nicht mitfahre, sondern nur die Kinder und die jungen Frauen rüber bringen wolle.

Als das fertig war und keiner mehr hinauf wollte, sind wir dann, es wurde jetzt langsam hell, über Hohenbrück Richtung Heimat gefahren. Der letzte Wagen von uns, Paul Möhring, (Willi Möhring war auch in Stepenitz mit seine Familie herüber gegangen) hatte zwei Wagen hinter sich und konnte mit uns nicht mitkommen. Er fiel jetzt den auf der Chaussee vorrückenden Russen in die Hände. Sein 2. Wagen wurde vom Panzer überfahren. Wir anderen waren vorher bei Schöneiche landeinwärts vor den Russen weggekommen.

Als wir in Hohenbrück morgens den 6. März ankamen, machten wir auf der Mühle Rast. Da kamen zwei Frauen, die sagten: „Hammer ist seit gestern Mittag von den Russen besetzt! Nun war bei unseren polnischen Arbeitern kein Halten mehr. Sie spannten an und im Trapp gings Richtung Hammer. Wir hatten die Macht über sie verloren.

Auf dem halben Weg bekam ich den Treck zum Stehen und redete auf die Polen ein. Einer nach dem anderen sagte: “Opa ich gehe mal an die Chaussee und will mal sehen, was los ist. Sie hauten ab und kamen nicht wieder.

Nun glaubte ich, sie würden uns verraten, aber das haben sie nicht getan. Wir blieben nun im Wald in einer Tannenschonung am Gubenbach.

Nächsten Morgen (7.3.) ging ich mit Tramp zusammen nach Hohenbrück. Da waren 2 russische Posten, die uns alles abnahmen und dann sagten: Nach Haus! Nun ließen sie uns wieder in den Wald gehen.

Dann wollte ich das erste Mal sehen, wie es in Hammer aussah. Wir gingen mit vier Mann auf Erkundung, wurden aber an der Chaussee gleich von Russen empfangen, die uns aber weiter gehen ließen bis zum Forstgut.

Dort lag das russische Generalkommando. Als wir unser Anliegen vorbrachten, ob wir wieder ins Dorf einziehen könnten, sagte ein Oberleutnant: „ Nein, hier zuviel Militär, in ein anderes Dorf“. Wir hatten auch erkannt, dass er recht hatte, denn so weit man sehen konnte, war weiter nichts als Militär. Der Russe war über RothenfierKantreck in Hammer auf die Chaussee gekommen, hatte sich gesammelt und dann den Angriff vorgetragen.

Wir mussten nun versuchen, wieder in den Wald zu kommen, mussten von den Russen gedrängt, immer wieder zur Erde und die mit dem Ruf: “Uhr“ mit dem Bajonett auf uns. Ich war der Letzte, alles hatten sie uns abgenommen; noch im Walde wurde ich meine Stiefel los. Es war ein gutmütiger Kerl. Als er die Stiefel angezogen hatte, meinte er: „Gut, gut ich laufen nach Berlin, du laufen nach Moskau!“ Dann fing er an zu tanzen. Ich machte, dass ich im Wald verschwand.

Die folgende Nacht (auf den 8.3.) blieben wir noch in unserem Versteck. Nächsten Morgen wollten wir nun mit dem Treck nach Hohenbrück, denn ich hatte Angst, wenn uns der Russe im Dunkeln im Wald antraf, dass er mit dem M.G. dazwischen hielte.

Bei der Försterei Elsenau erwischte uns eine russische Offiziers-Patrouille, und mit Gebrüll, mit vorgehaltener M-P riefen sie: „Volkssturm, Uhr, Ringe.“ Alles wollten sie haben! Es ging noch verhältnismäßig ehrlich zu. Die Russen sagten, wir sollten uns in Hohenbrück Auf der Försterei waren schon welche von Amalienhof. einquartieren.

Ein Teil von uns blieb auch da. Ich und der Arbeiter Otto Schmeling, dazu gegen 25 Frauen und Kinder, mussten weiterfahren nach dem Dorf Hohenbrück. Wie wir hinfuhren, schoss der Russe mit Brandmunition die Häuser beim Gasthof in Brand. Da wussten wir, was los war.

Wir fuhren auf den Hof des Ortsbauernführes. In der Küche waren 10 Russen, die frühstückten. Ich wurde eingeladen, machten Ei und Zucker zusammen. Dann aber ging es los, ein Sturm auf unsere Wagen. Hier wurden wir erleichtert. Die Nacht war fürchterlich. Frauen und Mädchen wurden vergewaltigt.

Ich hatte in einer Stube wie tot geschlafen. Als ich noch im Bett lag, kamen die Frauen und meinten, dass wir hier unmöglich bleiben könnten.

Als ich nun raus kam, bekam ich einen Stoß in den Rücken und ab mit mir in die Speisekammer. Der Russe, ein blutjunger Kerl, hatte ein 40 cm langes Schlachtermesser und fing an, auf einem Steinpott anzustreichen; dann kam er ran, eine Hand am Hals, in der anderen das erhobene Schlachtermesse. „Uhr her“ sagte er. Ich erklärte ihm, die Uhr hätte schon ein Kamerad. Er ging zurück, zog den Revolver und legte an. Ich nahm meine Hände, so wie ich es als Kind gelernt hatte. Der Russe ließ den Revolver sacken und ging raus.

Die Pferde hatten sie uns bis auf 6 genommen.

Nun wurde angespannt und wir fuhren durch die Russen hindurch aus dem Dorf. Auf jedem Gehöft lagen Russen, die machten Zielübungen auf uns, aber sie schossen immer drüber weg. Es ging alles gut.

Wir fuhren wieder in den Wald, auf unsere alte Stelle. Hier haben wir dann etwa 10 Tage ausgehalten.

Es war kälter geworden, Schneetreiben, die Pferde hatten Kropf, die Kinder Husten, die Spannung war fürchterlich. Des nachts die Schießereien, die Kämpfe, das Fahren der Panzer, das Leuchten von Scheinwerfern und die Brände rundherum. Aus der Traum!

Als wir nun auf die Chaussee kamen, fuhr gerade der russische Kommandant von Hammer vorbei; er winkte, dass wir kommen sollten. Nun ging das Fragen los, er suchte den Müller Marquardt. Nach Hammer durften wir nicht reinfahren, aber zu Karls, meines Sohnes Siedlung in Lüttmannshagen ließ er uns hin. Wir kamen auch gut an, die Frauen und Kinder gingen immer voran.

In Lüttmannshagen waren keine Einwohner mehr, nur Versprengte. Tagsüber besuchten uns die Russen, auch kamen jetzt polnische Soldaten. Hier nahmen die Russen meine letzten Pferde und ließen ein paar alte Zigeuner dafür stehen.

Am Mittwoch vor Ostern( 28.3.) kamen die Polen und befahlen: “In 20 Minuten fertig“! Der Offizier der Bande vergewaltigte noch erst eine junge Frau und dann gings weg mit uns. In Hammer wurden alle Deutschen gesammelt. Der Pole hatte nun schon von unserer Heimat Besitz genommen.

Am Mittag gings weiter nach Pribbernow, wo übernachtet wurde. Am Morgen weiter in Richtung Gülzow; es war ein langer Sammelzug. In diesem Zug war auch Frau von Köller-Kantreck, auf dem Wagen eines Siedlers von Matthiashof; von Köller war bereits von den Russen erschossen worden.

Es war schon dunkel, als wir in Klemmen ankamen. Hier verließen uns die Polen, und wir waren wieder in den Händen der Russen.

Die Russen holten sich jetzt alle Männer von den Wagen, und sie wurden verhaftet.

Meine Frau gab dem russischen Posten eine goldene Uhrkette. Wir hielten gerade an dem Weg nach Drewitz, benutzten dann den Moment und fuhren nach Drewitz.

Hier war eine Beise(Base?) von Schminz von den Russen als Bürgermeister eingesetzt. Wir kamen gut unter, aber am nächsten Morgen war der Teufel los.

Ich war bei den Pferden in der Scheune, ein russischer Hauptmann und zwei Mann, ganz wild, holten uns raus. Alle mussten auf der Straße antreten. Dann wurde Otto Schmeling und ich rausgenommen, auf den anderen Hof geführt, so dass uns alle sehen konnten und beide vor dem Dunghaufen aufgestellt.

Der Hauptmann zog den Revolver; ich glaubte, nun sei es aus. In dem Moment kam meine Frau, fasste ihn an dem Arm und sagte: “Warum denn totschießen?“ Er nahm den linken Arm und haute sie vor die Brust, so dass sie rundum kugelte. Er wollte wieder anlegen, da war sie wieder da und fasste ihn am Arm. Nun ließ er den Revolver sacken und sagte: “Du deutsche Frau?“ Sie sagte: “Ja.“ Er sagte: „Mitkommen!“ Er ging mit ihr auf den Scheunengiebel und da krachten zwei Schüsse. Ich glaubte, dass er sie erschossen hätte, bei uns stand der Posten.

Aber da kam meine Frau auch schon in Begleitung des anderen Postens und zeigte auf mich. Musste dann vor meinem Treckwagen spannen und auf den Hof fahren und alles wurde untersucht; doch es ging gut. Schmeling wurde mitgenommen, aber zu Ostern war er wieder da.

Hier waren wir an die acht Tage.

Da bekam ich den Befehl, ich sollte ein Fuhrwerk stellen und mit einem Viehtransport mit nach Polen.

Auch Frauen und Mädchen sollten mit. Nun war guter Rat teuer. Ich ging ins Haus und sagte: “Sofort packen!“; in einer halben Stunde fahren wir los“. Versuchte jetzt, über Böck nach Hause zu kommen. Ich war auch dem Transport voraus, aber im Walde auf der Naugarder Straße, Abzweigung Kantreck, machten wir Halt, denn die Pferde waren weiß vor Schaum. Da hat uns doch ein polnischer Reiter nachgespürt, und ich denke, na nun ist es passiert. Er reitet die Reihe entlang und mustert die Pferde, kommt zurück, und ich muss wieder mein bestes Pferd gegen einen alten Gaul hergeben. Aber wir fuhren dann doch weiter.

Aus Hammer hatten wir noch drei Wagen, außerdem noch Otto Kühl-Matthiashof und Franz Kühl-Dischenhagen. Etliche mit Hand- und Kinderwagen. Nun musste ich die Wagen rücken, denn das Reitpferd zog nicht. Unter diesen Umständen kamen wir gegen Abend in Kantreck an.

Hier ließen uns die Russen nicht durch. Was tun? Zurück ging es nicht, in Hammer wurden von den Russen Artilleriestellungen gebaut. Alle anderen fuhren noch in der Nacht zurück. Die aus Hammer (außer Raddü), die blieben über Nacht auf der Viehkoppel in Siegelkow. Nächsten Morgen sind wir dann über Babegatz-Lüttmannshagen nach Hause gefahren.

Meine Frau war vorausgegangen und hatte uns bei dem Kommandanten angemeldet. Als wir dann auf dem Hammer Feld, da bei Lüttig aus dem Wald kamen, wurden wir von den Russen empfangen, aber uns sonst nichts zuleide getan.

Wir fuhren alle auf meinen Hof und haben in der Scheune gewohnt; im Hause waren die Russen.

Die nächsten Tage mussten Schmeling und ich in der Mühle arbeiten, die Frauen mussten in der Mühle und auf der Chaussee die Löcher dicht machen.

So um den 15. April wurde ich als Pg. von den Russen verhaftet, kam nach Stregow-Siedlung in den Kartoffelkeller. Wir kamen abends an; im Keller waren schon acht Russen und ein deutscher Gendarm in Zivil.

Hier war ich eine Woche. Sonntags morgens hieß es: „Alles mitnehmen“. Die Russen hatten einen Wagen, Hühner drauf und zwei Kühe hinten angebunden, und nun gings los. Der Gendarm und ich hinter dem Panjewagen zu Fuß in Richtung PribbernowHammer. Als wir in Hammer ankamen, fuhren sie auf meinen Hof, ich konnte meine Frau sprechen und wir haben Kaffee getrunken; auch konnte ich noch warme Kleidung anziehen. Dann gings weiter nach Gollnow bis Blankenfelde. Es war Abend, als wir ankamen und wieder in den Kartoffelkeller. Nächsten morgen, ohne zu essen, mit dem Auto wieder zurück nach Gülzow; von da zu Fuß nach Wildenhagen. Hier war die Hauptsammelstelle der Pgs. Und die Stelle, wo die Entscheidung fallen sollte, ob Abtransport nach Osten.

Nach acht Tagen, es war wieder Sonntag morgens, wurde ich entlassen. Die Verhöre waren furchtbar, ein Verhör vier Stunden. Da brach ich zusammen; auf einer Fläche 4 mal 5 m waren wir 42 Mann.

Ich kam am Sonntag Abend zu Hause an. Mein ganzer Hof lag voll von Russen und Polen; es ging jetzt der Aufmarsch nach Berlin los. Ich wurde nun wieder von den Russen als Bürgermeister eingesetzt.

In derselben Zeit, als ich verhaftet worden war, wurde auch Karl Raddü von den Russen in Böck verhaftet. Er wurde ohne Verhör auf dem Gutshof erschossen und dort gleich begraben.

Ich glaube, es kommt auf das Konto von Hans Wolf, der war nämlich von den Russen als Bürgermeister eingesetzt, und alle ihm Unangenehmen konnte er mit ihrer Hilfe erledigen. Mir wäre dasselbe passiert, aber ich war nun aus seinem Bereich heraus.

Von den Russen waren ja nun als Bürgermeister alle Kommunisten eingesetzt, da kannst Du dir denken, dass ich einen schweren Stand hatte.

Bei unserm Kommandanten war ich gut angesehen, trotz aller Verleumdung. Er erklärte mir: „Du guter Mensch, warum totschießen.“ Als wir von den Polen ausgetrieben wurden, wollte er mich dabehalten, ich lehnte ab.

Am 25. Juni 1945 erhielten wir dann von den Polen den Befehl, dass wir jeden Tag ausgewiesen werden könnten.

Am 28. Juni kamen sie und trieben uns aus; in nur 20 Minuten mussten wir fertig sein, könnten alles mitnehmen, was wir wollten, sagten sie. Und dann ging es los, wir mussten in die Scheune von Klütz und da wurde alles Gepäck durchsucht. Was ihnen gefiel, wurde geklaut, sogar die Stiefel und Schuhe waren nicht sicher. Wagen und Pferde ließen sie uns vorerst noch zum Fahren nach Stepenitz. Ich durfte aber nicht auf den Wagen, sondern musste nebenher laufen; wir hatten auch noch ein paar Kühe hinten angebunden.

Dischenhagen war schon einen Tag früher mit Harmstorf und Basenthin auf Umwegen nach Stepenitz gebracht worden. Da hatten die meisten, besonders die Frauen, nur noch Lumpen um die Füße.

Als wir gegen Abend, den 28.Juni, in Stepenitz waren, die Kühe hatten die Polen bereits abgeschnitten, mussten wir unser Gepäck beim Strandhotel über den Zaun werfen. Unsere Gespanne wurden von den Polen weggefahren. Es wurde auch noch gefragt, wer dableiben wollte; selbige könnten mit nach Zarenthin zum Arbeiten.

Wir kamen dann in den Garten des Strandhotels, keiner durfte ihn verlassen, sonst würde er erschossen. Bei Regen verbrachten wir die Nacht unter den Bäumen.

Am frühen Morgen kamen die Polen. Ich wurde aufgerufen. „ Sind Sie Bürgermeister gewesen?“ „Ja“ „ Waren Sie in der Partei?“ „Ja.“ „Haben Sie Polen beschäftigt?“ „Ja.“ Das langte! Da war auch schon ein Pole hinten und einer vorn mit dem Spieß und auf jeder Seite einer mit einem Ochsenziemer. Ich hatte mit der Welt abgeschlossen, denn nach dem Benehmen der Polen sollte ich gehängt werden. Am Abend bekam ich die erste Ladung; mit mir war noch einer aus Ganserin in der Zelle. Das Gefängnis war die frühere Jugendherberge. Sie schlugen mit allen erdenklichen Gegenständen bis zur Bewusstlosigkeit auf mich ein.

Nach zwei Tagen mussten die Ausgetrieben dann wieder auf den Marsch nach Langenberg, zum Teil durch Wasser. Meine Frau war stur, die ging nicht mit; sie hatte gesagt, sie könne den Weg nicht machen. Sie war wiederholt beim polnischen Kommandanten und wollte sehen, was aus mir würde. Man erklärte ihr: “Ihr Mann soeben erschossen.“ Da hatte sie um die Leiche gebeten. Erst dann sagte man ihr: „Nein, nein.“

Den zweiten Tag im Gefängnis kamen wir beide dann mit anderen zusammen in die große Stube. Es waren gegen 20 Mann, es war die Hölle. Der größte Teil konnte bald über die Oder, wir blieben noch mit 7 Mann.

Auch der Bürgermeister Passoth, ich glaube von Ganserin, war dabei. Der wurde totgeschlagen und gleich im Garten vergraben. Hans Flemming, Gärtner in Stepenitz hat ihn begraben. An Flucht war nicht zu denken. Zwei Mann waren vom Gallberg, die hatten versucht, über die Oder zu kommen; das Boot schlug um , einer ertrank, den anderen erwischten die Polen. Wenn die deutschen Frauen sich nicht für den eingesetzt hätten, dann hätten sie den auch erledigt.

Für uns andere war es jetzt noch schlimmer. Bei den meisten war das Gesäß ein Geschwür, so dass der Eiter aus den Hosen kam. Und wenn wir dann auf dem Bauch lagen, saßen wir total voller Fliegen. Vier Mann konnten nur noch gehen. Wir vier, dabei war auch ich, mussten, sobald der Morgen graute, dann in der Ernte mitarbeiten. Aber es war für uns schon besser, als immer im Gefängnis zu sitzen.

Schlimmer noch als das Militär gebärdeten sich die Zivilisten. Auf den Straßen, wenn wir geführt wurden, hieß es nur immer: „Partisanen, Partisanen.“ Die Brüder hätten uns zerrissen, wären nicht die Posten bei uns gewesen.

Auch Hans Wolf spielte hier eine große Rolle. Er war auf seiner Wirtschaft in Stepenitz und war als Bürgermeister und Bauernführer zu allen Taten fähig. Seine Frau war sich sicher, dass sie nicht an die Polen und Russen ausgeliefert würde.

Mitte August wurde das Schlagen verboten.

Hans Flemming und ich kamen zu der Frau Horn auf dem Mühlberg; hier hatten wir einen Kuhstall für das polnische Bataillon zu bauen. Bekamen 25 Kühe zu betreuen. Er hatte den Hofdienst und ich habe die Kühe gehütet. Wir konnten uns auch sonst frei in Stepenitz bewegen. Das Essen bekamen wir vom Bataillon. Am 1. Oktober zog dasselbe ab.

Da bekam ich noch vier Kühe im Stall zu füttern und Flemming musste so herum arbeiten.

Am 10. November zog auch dieser letzte Teil vom Bataillon ab. Nun war ich praktisch brot- und arbeitslos und ging zur Bürgermeisterei, dass ich über die Oder wollte.

Weil ich elend genug aussah, bekam ich nach drei Tagen meine Entlassung, mit dem Bescheid, dass ich rüber gehen könnte, um meine Familie zu suchen. Alle Behörden sollten mich ungehindert reisen lassen, gegebenenfalls unterstützen. Wenn ich meine Familie nicht fände, könnte ich wieder nach Polen zurück kommen!

Ich bin dann Sonntags mit einem Fischer über die Oder gefahren. Meine Frau war in Stepenitz bereits 3 Tage nach der Austreibung von den Polen über die Oder gebracht worden. Es war der 15. November 1945. Ich fand sie bald in Zerrenthin bei Pasewalck.

Karl Goblet ( Pribbernow) war in der Scheune von Professor Schäfer, dabei sind in Pribbernow noch mehr gewesen, die mussten raus kommen und sind sofort durch Kopfschuss erledigt worden. Bürgermeister Arndt- Rackitt soll in seinem Schweinestall umgekommen sein.

Frau Goblet hat sich im Jeserich ertränkt.

Amtsvorsteher Radloff in Pribbernow ist erschossen worden.

Frau Kreisinspektor Wegner und Frau Meinshausen (Cammin) kamen im Mai zurück.

Die Frau vom Ortsbauernführer in Moratz war zum Viehtreiben mitgenommen worden.

Ich hatte bei den Russen für Verpflegung für die durchwandernden Deutschen zu sorgen, musste laufend backen. Mehl bekam ich aus der Mühle, geschlachtet wurde von dem zusammengetriebenen Vieh, was nicht mehr laufen konnte.

Wir hatten bereits 50 Morgen Kartoffeln gepflanzt, 20 Morgen Sommerkorn gesät und waren im Heu. 200 Morgen Wiesen waren bereits gemäht, gegen 20 Fuder eingefahren. Der Rest ist dann wahrscheinlich verfault.

In Kantreck haben sich gegen 20 Personen ertränkt, in Amalienhof dieselbe Anzahl erhängt.

Eggert war auch in Stepenitz mit dem Dampfer rübergegangen, hat sich dann später erhängt.

Schultich kam noch am 4. März durch Hammer, war noch bei mir. Forstmeister Martinus (Hohenbrück) war auch geblieben, ist aber jetzt im Westen.

Willi Möhring wohnt in Sorzum bei Hildesheim.

Direktor Wangerin ist in Greifswald wieder im alten Fach tätig.


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