Kriegsgefangenschaft

 Kriegsgefangenschaft

Free counter and web stats

Zugriffszähler seit 29.10.2011

 12162 Besucher bisher insgesamt

17 Besucher heute

2 derzeit online

obige Zahlen gelten für alle Unterseiten dieser Homepage zusammen

Kriegsende 1945 und Gefangenschaft - Hugo Wietholz

Diakon Hugo Wietholz

 

 

 Kriegseende / Gefangenschaft

wiethlz3.jpg

   band13miniwietholz.jpg

Dieses Buch können Sie für 13,90 € direkt bei mir per eMail bestellen:

          Wietholz Kindheit   -  Wietholz Jugend 

    Hugo Wietholz, * 1909 † 1992 - Krieg und Gefangenschaft  

  Hugo Wietholz, Gemeindediakon in Hamburg-Horn ab 1948 

     Hugo Wietholz, Gemeindediakon in Hamburg-Horn ab 1953 

   Hugo Wietholz , Gemeindediakon in Hamburg-Horn ab 1970

 


1945

In den nächsten Wochen erlebte ich die schwerste Zeit meines Lebens. Die Fahrten gingen von der Frontlinie bis zum Verwundetenplatz hin und her. Ich war bekannt bei den dortigen Ärzten, die schon bereit standen, wenn ich mit der Fuhre von Verwundeten kam.

Eines Tages musste ich zum Kastell nach Wallerode. Dort mussten zwei verwundete Offiziere geholt werden, obwohl das Schloss unter Beschuss stand. Es ging alles schnell und gut ab. Unterwegs auf der Fahrt zum Verbandsplatz wurden wir von SS-Heinis angehalten: "Der General Jodl kommt vorbei." "Von mir aus kann es der Kaiser von China sein, weg, die Verwundeten können nicht warten." Bei einer anderen Fahrt hielt mich unser Spieß an und rief: "Mensch Wietholz, sie leben noch! Man hat gesagt, sie wären tot." - "Vorsicht, es ist noch nicht aller Tage Abend", bekam er von mir zu hören. Jetzt kam auch noch der Augenblick, an dem die Front zurück genommen wurde, denn die Ardennenschlacht zeigte für die Amerikaner ihren Erfolg

Wieder war ich am 16.1.1945 mit meinem Beifahrer unterwegs, um Verwundete zu holen, und wir bekamen bei Roth plötzlich Feuer von der Artillerie der Amerikaner. Ein Dussel von Kompanieführer ließ seine Truppe über ein schneebedecktes Feld traben. Natürlich war das eine Herausforderung für den Gegner und wir hatten es mit auszubaden. Unser Sanitätswagen wurde so stark getroffen, dass mein Beifahrer, der auf der falschen Seite heraussprang, zu Tode kam. Die andere Seite bot hinter dem Vorderrad etwas Deckung, aber trotzdem wurde ich von etlichen Splittern am Bein und im Gesicht getroffen. Als der Feuerzauber vorbei war, entdeckte ich einen Kameraden mit einem Raupenfahrzeug. Er aber war so stark getroffen, dass sein Fuß nur noch an einer Sehne hing. Glücklicherweise kam in diesem Augenblick ein Unteroffizier mit einen Kübelwagen vorbei. Wir legten den Verwundeten auf den Wagen, fuhren zum nächsten Haus und haben erst einmal das Bein abgebunden. Natürlich musste der Verwundete weg und auch ich musste schnellstens zum Verbandsplatz. Dort bekam ich vom Oberarzt die Verwundetenkarte um den Hals gehängt und sollte nun zusehen, wie ich weiterkomme.

Für mich gab es nur eines, nur schnell aus diesem Schlamassel heraus. Vor kurzem hatte ich selbst noch viele Verwundete gefahren, jetzt musste es erst einmal zu Fuß weitergehen, denn ein Sanitätswagen war nicht vorhanden.

Nach einiger Zeit ließen sich auch andere Verwundete wie ich mit einen LKW bis Bonn mitnehmen. Wir hören, dass es in Siegburg ein Krankenhaus gäbe. Spät abends wurden wir dort aber abgewiesen, weil alles überfüllt war, und nach Iserlohn ins Katholische Krankenhaus überwiesen. Wurden vorher aber noch gut verpflegt. Am 21. Januar 1945 wurde ich ins Lazarett in Iserlohn eingeliefert.

Schon ein paar Tage später ging es mir nicht gut. Ich hatte 41 Grad Fieber. Die Ärzte und das Pflegepersonal gaben sich in den nächsten Tagen und Wochen viel Mühe, um meine Gesundheit wieder herzustellen.

Dazwischen hörten wir von der Absatzbewegung des Heeres und, dass es immer kritischer werde. In Ostpreußen kam die Bevölkerung in Bewegung. Viele Menschen foehen mit Schiffen über die Ostsee. Da wurde ein Schiff, die Gustlow ( ein Dampfer, der einst die Urlauber nach Süden bringen sollte; wie nannten die Nazis das: Kraft durch Freude, welch eine Ironie !), dieses Schiff wurde von einem feindlichen U-Boot torpediert und ging mit Tausenden Flüchtlingen unter.

Als es mir langsam besser ging, bekam ich am Sonntag Ausgang und besuche den Gottesdienst. Mit meiner Entlassung ging es nicht so schnell. Ich bekam Furunkulose, die sehr hartnäckig war.

Erst am Dienstag, dem 13. März wurde ich vom Arzt gesund geschrieben und bekam den Urlaubsschein, heißt erst einmal Genesungsurlaub, und ab nach Hamburg. Erst am Mittag kam ich von Iserlohn weg und nahm den Zug Hamm-Münster-Osnabrück. Von Osnabrück ging es mit einem D-Zug, dessen Fensterscheiben kaputt waren, Richtung Hamburg und war dann glücklich am 15.3.1945 mittags um 11.30 Uhr auf dem Hauptbahnhof. Zu Hause herrschte bei meinem Erscheinen große Freude. Jetzt konnten wir uns auf eine ruhige Woche einstellen, wenn uns nicht der Fliegeralarm störte.

Freitag und Sonnabend hatte ich den Auftrag, vor Konfirmanden zu sprechen. Es waren ca. 300 Besucher. Am Sonntag nahm ich an der Konfirmation teil und feierte fröhlich mit. In der Woche fuhr ich nach Pinneberg und besuchte Mutter. Sie war aber nicht gut beieinander. Die Urlaubstage schmolzen wie Butter in der Sonne dahin. An einem Sonntag predigte Pastor Bernitt in der Martinskirche. Er war 1924 mein Konfirmator gewesen. Nach dem Gottesdienst hatten wir noch ein kurzes Gespräch.

Am 26. März 1945 musste ich zur Kaserne und dort Zeug und einen Tornister abholen, den ich noch später nach dem Krieg auf unseren Auslandsfahrten gut gebrauchen konnte. Erst einmal aber musste ich mich am 27.3.1945 auf der Frontleitstelle am Hauptbahnhof melden, um zum weiteren Einsatz geschickt zu werden. Der Obergefreite dort händigte mir den Dienstausweis mit Fahrkarte aus. Im Haus schauten wir uns den Ausweis genauer an, und da stand ein Ort drauf, den wir auf der Landkarte im Osten fanden, also an der russischen Front. "Nein. Niemals!", lautete unser Ausruf. Also wieder hin zur Frontleitstelle und dem Obergefreiten klar gemacht, dass ich zu meiner alten Einheit nach Altenkirchen will, was im Westen liegt und nicht im Osten. Der Obergefreite sagte mir: "Auf Deine Verantwortung gehe ich zum Alten und lass den Schein ändern." Und nun geschah etwas, was beim Militär eigentlich unmöglich war: ein Wunder. Er kam nach einer Weile mit einem neuen Schein heraus, auf dem Altenkirchen stand. Wir aber, Lisa und ich, zogen froh von dannen und genossen den letzten Urlaubstag.

Am nächsten Tag fuhr meine Frau noch bis Stelle mit und dann kam der tränenreiche Abschied. Mit Verspätung kamen wir in Lehrte an, um später noch, ausgerechnet bei Hannover, in einen Fliegerangriff zu geraten. Immerhin ging die Fahrt dann über Elze Richtung Wilhelmshöhe. Aber so weit kam ich nicht mehr, denn die Fahrgäste warnen mich, die Strecke nach Kassel sei gesperrt. Unterwegs stieg ich schleunigst aus und mache mich zu Fuß auf den Weg. Später am Nachmittag erreiche ich das Dorf Zierenberg, um etwas zum Essen zu bekommen und einiges über die Lage zu hören. Es wurde mir gesagt, dass in Richtung Kassel kein Weiterkommen sei.

Eine alte Dame hörte von meinem Schicksal und nahm mich mit in ihre Wohnung. Bekam ein schönes Zimmer mit einem Bett. Ihren Namen habe ich mir gemerkt, Fraulein Elsässer, die mir zu Essen gab und am Karfreitag etwas Kuchen auf den Tisch stellte.

Zwischendurch war ich oft unterwegs, um zu hören, wie die Lage sei. Von hier war der Bahnverkehr eingestellt und der Amerikaner war mit seinen Panzerverbänden auf dem Vormarsch.

Am Sonnabend kam die alte Dame zu mir und sagte: "Um die Mittagszeit fährt wohl ein Auto mit den letzten Männern nach Hannoversch-Münden." Natürlich hatte sie auch Angst, einen deutschen Soldaten versteckt zu haben. Also nahm ich Abschied und habe mich noch sehr bedankt für das Quartier. Dann ging es mit einer Fuhre ab nach Hann.-Münden in die Kaserne. Dort wurden wir schnell zu einer neuen Einheit aufgestellt. Mit einem Unteroffizier und noch einem Mann gehörten wir zur Sanitätsabteilung. Geräte und Medikamente wurde uns mitgegeben.

Nach einem Ruhetag setzte sich die Kompanie am nächsten Abend in Bewegung. Unterwegs kam uns eine andere Kompanie entgegen. Die Kameraden lachten uns aus und riefen, ob wir den Krieg noch gewinnen wollten.

Bis Wilhelmshausen kamen wir. Hier wurde Quartier bezogen. Wir zogen zum Forsthaus, durften die Waschküche als Verbandsstelle einrichten und mussten dann erst einmal die Bewohner des Forsthauses, falls ein Angriff kommen sollte, in den Keller schicken. Bei dieser Gelegenheit lerne ich auch den Pfarrer des Dorfes kennen.

Das Gerücht ging um, man wolle Wilhelmshausen verteidigen. Wenn das geschehen wäre, hätten es die Amerikanern bombardiert. Glücklicherweise kam an diesen Abend der Ami nicht.

Ich bekam eine Einladung von der Pfarrerfamilie. Hatte dann später, als der Ami doch kam - aber ohne Panzer - einen Schwerverwundeten zu betreuen, der dann von den Amerikanern ins Lazarett gefahren wurde.

Kriegsgefangenschaft

Später mussten wir alle auf dem freien Platz im Dorf antreten. Erst einmal wurden wir gefilzt und etliche mussten ihre Armbanduhren abgeben. Bei mir wollte auch einer etwas holen. Ich zeigte auf die RK-Armbinde und er ließ dann von mir ab. Nur die Ampullen im Tornister nahm er heraus. Dann kam ein großer LKW, alle wurden auf den Wagen gescheucht, und dabei riss man ihnen das Gepäck vom Rücken. Bei mir hatte man kein Glück, die Armbinde war mein Schutz.

Bei Naumburg war erst mal Halt und wir mussten die Nacht im Regen verbringen. Am nächsten Tag ging es weiter. Wir landeten bei Andernach auf einem freien Feld. Hier blieben wir mehrere Tage. Dem Herrn sei Dank, das Wetter blieb schön. Wehe, wenn wir Regen bekommen hätten. Hier im Lager wurde mir eines nachts meine Feldflasche geklaut. So ein Stück ist in der Gefangenschaft unentbehrlich.

Es muss wohl Mittwoch der 11. April 1945 gewesen sein, als wir vormittags um 11.00 Uhr verladen wurden. Wo mochte es wohl hingehen? Plötzlich erkannte ich die Gegend wieder: Es ging an Naumur vorbei durch Belgien. Unterwegs erlebten wir den Hass der Belgier. Wenn der Zug mit den offenen Loren unter Brücken hindurch fuhr, wurden Steine auf die Soldaten geworfen. Mit Volkslieder singenden Soldaten in den Güterwagen fuhren wir einer ungewissen Zukunft entgegen. Noch ein Bild ist mir in der Erinnerung haften geblieben: An einem Bahnübergang zu ebener Erde stand eine Belgierin und wollte einen Stein auf die Gefangenen werden, als der Zug vorbei fuhr. Der Begleiter, ein Schwarzer, fiell ihr in den Arm. Welche eine Blamage für die weiße Rasse.

Unser Zug nahm die Richtung auf Frankreich ein. Wir fuhren durch Laon und wurden in Attichy in der Nähe von Champiegne ausgeladen. Französiche Soldaten trieben uns mit Gewehrstößen den Berg hinauf in das Hauptlager. Bevor wir dieses Lager betraten, wurden wir mit DDT ausgiebig gegen Läuse besprüht. Wir kamen in ein großes Zeltlager, von deutschen Kriegsgefangenen vor uns erbaut. Wurden in kleine Gruppen eingeteilt und bekamen jeweils ein Zelt zugewiesen. Hier sollten wir nun unsere Tage fristen. Ab und an gab es eine Handvoll Verpflegung. Es schien, die Amerikaner, die das Lager verwalteten, waren nicht auf die große Zahl von Gefangenen eingestellt. Wasser war hier oben auch sehr knapp. Einmal habe ich über 12 Stunden nach Wasser angestanden.

Wenn man so in einer Zeltgemeinschaft zusammengewürfelt leben musste, lernte man die Fehler und Probleme der anderen schnell kennen. Die Frage galt immer: Was wird die Zukunft bringen? Wann ist der Krieg zu Ende und wie sieht es zu Hause aus? Ob es wohl mal wieder soviel zu Essen gibt, dass man satt wird und in Schlachterläden der Speck besonders dick ist und man zu hören bekommt, ob es auch für 5 Pf. mehr sein darf? In Anbetracht der Handvoll Kekse, die wir bekamen, waren wohl so ein paar Gedankenausflüge verzeihlich.

Ich lernte einen Kameraden, Hartmut Rulzenberg, kennen, der mich bei der Lagerleitung bekannt machte und hatte durch seine Fürsprache ein paar Erleichterungen im Lager.

Eines Tages kam über den Lautsprecher, alle Akademiker, Lehrer, Ärzte und Pfarrer sollten sich vor der Lagerbaracke einfinden. Natürlich war auch ich unter den dort Versammelten. Wir bekamen bald heraus, jeder sollte politisch durchleuchtet werden, bevor er zum Einsatz kam. Wir wurden einzeln hereingerufen. Aua! Manch einer kam mit einem roten Kopf wieder heraus. Dann kam ich an die Reihe. Vor mir ging ein Offizier auf und ab und wollte mich ausfragen, wie es denn mit Hitlers Siegen war. "Haben sich wohl gefreut, wie?" "Wie man es nimmt. Unter anderem gehöre ich der Bekennenden Kirche an. Niemöller sollte ihnen wohl kein fremder Mann sein!", antwortete ich. Mit einem Mal brülle er, dass ich machen soll, dass ich hier raus komme. Für mich gab es kein Halten. Aber was sollte daraus werden? Nun, der Herr Christus würde es schon wissen, denn irgendwie muss er ja wohl meine Worte beeinflusst haben.

Noch etwas geschah und ist mir bis heute ein Wunder. Es war an einen Sonntag Morgen und ich lag im Zelt. Plötzlich drang eine bekannte Stimme an mein Ohr. Auf dem Platz hinter unserem Zelt wurde katholischer Gottesdienst gehalten und der Pfarrer war kein anderer als der ehemalige Küster von Beauvais, Gerhardi. Gleich nach dem Gottesdienst kamen wir ins Gespräch. Natürlich ist die Wiedersehensfreude groß. Keiner wusste vom anderen, wohin er nach dem Rückzug verschlagen worden war. Bei dem Hin und Her und Durcheinander und dann hier bei den Amerikanern war es schon ein Wunder. Wir hatten ein langes Gespräch und da er zur Lagerleitung gehörte, wollte er sich beim Chaplain Zimmermann für mich verwenden. Mein gutes Abschneiden bei der politischen Durchleuchtung und die Fürsprache beim Chaplain hatten dazu beigetragen, dass drei Mann und ich für die kommende Jugendarbeit ausgesucht wurden. Es waren zwei katholische Pfarrer, ein evangelischer und ich als Diakon. Der neue Plan der Amerikaner war es, ein Babycatch einzurichten. Hier kamen alle Jugendliche hinein, die man gefangen genommen hatte, damit sie hinter der Front nicht noch Dummheiten machten. Denn Goebbels, die Großschnauze, hatte befohlen, die Hitler-Jungen sollten als Wehrwölfe die Amerikaner mit der Panzerfaust abknallen.

Es gab abends bei der Lagerleitung ein Essen, bevor wir in das neue Lager übersiedelten. Hier waren schon ein paar 100 Jungen eingeliefert worden, die in schönen großen Zelten ihr Quartier hatten. Wir bekamen auch ein großes Zelt mit Ofen und einem Keller. Der Hügel, auf dem dieses große Lager stand, war auf Lehmboden errichtet und so konnte man tief in die Erde gehen und im Sommer war es im Zelt schön kühl.

Unsere katholischen Pfarrer waren noch jung an Jahren und glücklicherweise keine Sauertöpfe. Manch Scherz wurde vom Stapel gelassen und wir machten uns das Leben so angenehm wie möglich. Unsere Verpflegung war nicht schlecht. Es waren meist Naturalien aus der Dose. Unser Herd leistete uns beim Mahlzeitenbruzzeln gute Dienste.

Oft wurden wir gebeten, zu Zusammenkünften und zu Besprechungen ins Offizierszelt zu kommen. Hier war die Gelegenheit gegeben, unsere Wünsche für die Arbeit los zu werden. Wir baten Chaplain Zimmermann, der ein Deutsch-Amerikaner war und gut deutsch sprach, Bibel und Bibelteile aus Paris mitzubringen. Auch wurde für den Schulbetrieb gute Literatur benötigt. Tatsächlich schleppte uns unser Chaplain Bibeln und Bibelteile in großen Mengen heran. Leider konnten die katholischen Pfarrer aus ihrer Buchhandlung das Gewünschte nicht bekommen und nahmen mit der Luther-Übersetzung vorlieb. Sie wurde auch eifrig bei den Ausarbeitungen der Texte benutzt. Die evangelischen Bibelteile wurde eifrig unter den Jugendlichen verteilt und auch gelesen. Die katholischen Jungen machten dabei die Entdeckung, dass Jesus Brüder gehabt hatte, was in der katholischen Übersetzung als Neffen ausgelegt wurde. Es gab eine große Diskussion über das Thema, denn wenn es so war, dann war ja Maria eine Mutter mit Kindern und Jesus lebte ganz natürlich in einer Familie. Dieses Thema über Jesus und seine Geschwister ist bis heute nicht zur Ruhe gekommen. Ich verstehe noch heute die katholische Kirche nicht, denn einer der Brüder Jesu, der Jacobus, war Bischof von Jerusalem.

Nun, wir hatten im Lager einen großen Zuspruch zu den Versammlungen. Es wurde schulwissenschaftlicher Unterricht gegeben. Wir stellten fest, dass die Jungen sehr aufgeschlossen waren. Es gab auch Sing- und Fragestunden. Konfirmandenunterricht wurde eingeführt, später wurden auch Jungen konfirmiert.

Der 8. Mai kam heran und mit einem Mal fand bei den Amerikanern eine große Feier statt. Jetzt erst hörten wir, dass der Oberste Kriegsherr, der Verführer unseres Volkes, Hitler mit seinem Großmaul, sich das Leben genommen hatte. Die Russen, Engländer, Franzosen und Amerikaner waren in Berlin und feierten das Ende des Krieges. Und was würde nun aus uns werden? Aber was nützten all diese Gedanken? Alles steht in Gottes Hand und wir hatten im Augenblick unseren Auftrag hier. Nicht umsonst war in den letzten Wochen mein Lebensweg so wunderbar verlaufen. Es gab genug Arbeit unter den Jugendlichen durch den vielen Unterricht.

Die Amerikaner erlaubten mir eine eigene Wachmannschaft für die Jungen. Erst noch bewaffnet, später ohne Gewehr, machten sie mit uns eine Ausflugsrunde vom Berg herunter ins Dorf. Die Franzosen begleiten uns mit misstrauischen Blicken. Auch die Amerikaner freundeten sich mit den Jungen an. Erst einmal mussten sie die Wehrmachtsklamotten ausziehen und bekamen amerikanisches Zeug. Später wurde eine Fußballmannschaft aufgestellt. Auf unsere Bitte bekamen die Jungen abends keinen Kaffee, denn sie kamen damit nachts nicht zur Ruhe. Auch sollte statt des Tabaks, wenn möglich, Schokolade gegeben werden. Man entsprach unserer Bitte.

Oft holten die Offiziere die Jungen, derzeit waren es ca. 3.000 geworden, um ihnen Vorträge über Amerika zu halten. Als man auch noch auf Deutschland zu sprechen kam, sagte ein Offizier: "Ihr deutschen Jungens braucht Euch Eurer deutschen Geschichte nicht zu schämen. Ihr habt große und berühmte Männer in eurer Vergangenheit gehabt!"

Habe mir den 23. Mai 1945 besonders gemerkt, denn an diesem Tag begann ich in meinem Zelt, Nr. 36, die erste Bibelstunde mit 35 Jungen. Und was geschah? Die Jungen baten um weitere Stunden. Es war schon so, wie es bei dem Apostel Paulus heißt: Der Herr tat eine Tür auf. So auch hier bei uns. Mit der Zeit versammelten sich über 170 Jungen in und um das Zelt. An einem Nachmittag bat mich ein Junge, doch in mein Zelt 36 zu kommen. Dort warteten mehrere große Kerle, die mir etwas mitzuteilen hätten, was sie mir anvertrauen müssten. Sie wären auf der Ordensburg zur Ausbildung als Hitler-Jugendführer gewesen und ich sollte sie nicht verraten. Sie könnten sich auf mich verlassen, denn ihre Angelegenheit sei jetzt Vergangenheit., war meine Antwort. Und auf meine Frage: "Ihr habt doch mal Konfirmandenunterricht gehabt, oder?", sagten sie: "Durch die neue Weltanschauung von Hitler ist alles verlorengegangen."

Eines Tages wurde für einen Tag auf einer Tafel die Aufteilung Deutschlands in Besatzungszonen gezeigt. So klein würde nun Deutschland sein, da könnte man ja mit einem Fahrrad von einem Ende bis zum anderen in einen Tag durchfahren, sagten die Jungens. Jetzt, wo man sah, wer in der Heimat das Sagen hatte, brach in vielen das Heimweh auf. Tatsächlich fing der Amerikaner an, Trupps von Jungen zu entlassen. Das Plakat mit der Eintragung von Besatzungszonen, war nach einem Tag verschwunden, was uns sehr wunderte. Die Jungen, die zum Osten wollten, warnten wir, denn der Russe hatte angefangen, seine Zone abzugrenzen und auszubeuten. Hamburg und Westfalen mit dem Ruhrgebiet gehörten zur britischen Zone. Süddeutschland und zum Rhein herunter teilten sich die Amerikaner und die Franzosen. Wir aber mussten weiter aushalten, und kein Brief kam nach Hamburg durch. Meine Frau und die Lieben hatten mich bereits als verschollen betrachtet. Es wurde Juni und Juli. Am 29. Juli war noch mit allen ein letztes Beisammensein. Wir bekamen unsere Papiere für den Engländer.

Am 30. Juli nahmen wir Abschied vom Lager Attichy und wurden in Güterwagen verladen. Bekamen noch ein Carepaket mit, damit wir unterwegs nicht verhungerten. Landeten nach mehreren Tagen in Rheinsberg in einem großen Lager. Hatte später eine Besprechung beim Lagerpfarrer und weil das Lager so groß war, wurde ich als Lagerpfarrer eingesetzt und hatte am Sonntag einen Gottesdienst zu halten.

Eigenartig, noch heute weiß ich den Text. Es war der über die 10 Aussätzigen, die zu Jesu kamen und um Heilung baten. Nur einer aber kam zum Glauben, warum wohl? Nach dem Gottesdienst kam ein ehemaliger Offizier und wollte eine Aussprache haben. Unter anderem kam dabei heraus, er wollte Theologie studieren, wenn er nach Hause konnte. Ob er wohl Wort gehalten hat?

Noch eine Begegnung hatte ich beim Rundgang durchs Lager. Da saß vor seinem Zelt ein alter Bekannter aus Hoheluft, der uns als Hitlerjugendführer wegen unserer evangelischen Jugendarbeit Schwierigkeiten machen wollte. Jetzt saß Herr Hohmann mit all den anderen Kameraden im Dreck und ordnete seine paar Kekse. Natürlich lud ich ihn zum Gottesdienst und den Versammlungen ein. Er gab mir aber aus Verdruss eine abschlägige Antwort.

Am 18. August 1945 wurden wir zu einer Arbeitsdienstgruppe zusammen gestellt und mit einem Offizier, Feldfebel und Unteroffizier nach Lichtscheid in Marsch gesetzt. Die Dienstgruppen bekamen die Aufgabe, Projekte, die der Krieg zerstört hatte, wieder aufzubauen. Damit begann die Hoffnung auf Entlassung immer mehr zu schwinden. Hier in Lichtscheid bezogen wir eine von Polen ramponierte Kaserne, die wir in tagelangen Arbeitszeiten in Ordnung bringen mussten. Es war ein schlechtes Quartier, nachts haben uns die Wanzen gequält. Ich habe trotzdem, mit Hilfe des Lagerpfarrers, Gottesdienste und Andachten gehalten. Auch kamen langsam die Briefe von meiner Lieben wieder durch. Nach Tagen kam dann der Befehl, dass wir umziehen müssten. Aber wohin? Wir wurden bei diesem Umzug nach Beek gebracht und bezogen ein verwahrlostes Barackenlager. Natürlich mussten wir es erst mal wohnlich herrichten, denn von hieraus sollten neue Arbeitseinsätze durch die Arbeitskompanie geleistet werden. Wir befanden uns in der Nähe des Rheins und so fanden unsere Arbeitseinsätze an der zerstörten Rheinbrücke statt. Auch in Bottrop wurden wir eingesetzt. Überall hatten die Bomben ihre Spuren hinterlassen.

Am 21.10.45 war ich bei der Gemeindeschwester Wilhelmine in Duisburg-Hamborn zum Kaffee eingeladen und dabei bot sie mir ein Zimmer an, welches in der Außenwand ein großes Loch hatte. In den nächsten Tagen, in meiner freien Zeit, spielte ich den Maurer.

Zwischendurch habe ich nach Hause geschrieben und wartete sehnsüchtig auf Antwort, denn die Gemeindeschwester stellte für Lisas Unterbringung dieses Zimmer zur Verfügung. Mit Hochdruck wurde an der Fertigstellung des Zimmers gearbeitet. Lisa telegrafierte, dass sie mit einem Kohlenzug, andere Züge fuhren ja noch nicht, komme. Tatsächlich fuhr sie dann mit einem Kohlenzug bald mutterseelenallein im Trainingsanzug auf der offenen Lore ins Ruhrgebiet. Am 5. November 1945 waren wir morgens mit dem Zug auf dem Bahnhof Bruckhausen, stiegen gerade aus, da hielt gegenüber ein Zug, und wer stieg da aus? Meine liebe Frau. Wir gingen sofort zur Gemeindeschwester, die hier in Bruckhausen wohnte. Eilte zum Chef der Arbeitskompanie und holte mir Urlaub. Am 7. November war der Geburtstag meiner lieben Frau, den wir durch Gottes Güte nach langer Zeit wieder zusammen feiern durften.

Für manche Gemeindearbeit spannte mich Schwester Wilhelmine ein. Wir hatten zu ihr ein feines Verhältnis. Aus der Gemeinde hörten wir nur Gutes. Ab und zu wurde ich von meiner Lieben von der Arbeitsstelle abgeholt. Trotz allem verlebten wir herrliche Tage. Noch eine Geburtstagsfeier wurde begangen, unsere Schwester Wilhelmine wurde auch ein Jahr älter.

Dann kam der 27. November 1945 und meine kleine Frau musste Abschied nehmen, auch die Arbeit in Hamburg wartete. Am 30.11.1945 kam dann endlich die Nachricht, dass sie in Hamburg gut angekommen war.

Als Räumkommando verließen wir Sonntag, den 2. Dezember 1945, Beek, nicht ohne vorher mit Wehmut von der lieben Schwester Wilhelmine Abschied zu nehmen. Unsere Fahrt ging in Richtung Münster, und wir landeten im Dorf Kattenvenne. Mein Quartier war gar nicht so schlecht, konnte sogar in einem Bett schlafen. Ich nahm sofort Verbindung mit dem Pfarrhaus auf. Der Pfarrer Horstmeier war sehr nett und Gottesdienste und Andachten für die Kameraden wurden nicht nur abgesprochen, sondern auch gehalten.

Unser Arbeitsgebiet war der zerstörte Dorsten-Emskanal, der unter dem Bombenhagel gelitten hatte. Jeden Morgen wurden wir von unserem Quartier mit Lastwagen zu den Baustellen gefahren. Mit motorisierten Kipploren wurden Sand und Steine herangefahren und die Böschung des Kanals damit ausgebessert.

Einmal, als wir mit einer Kolonne bei der Arbeit waren, kippte ein Kamerad mit der Lore so unglücklich um, dass der buchstäblich damit begraben wurde. Nur ein blitzschnelles Eingreifen von meiner Seite rettete ihm das Leben. Er wurde bald danach auf einen LKW geladen und ins Lazarett gebracht. Ich wurde vom Pfarrer des Dorfes oft zum Essen eingeladen. Oft wurden von mir die Jugendstunden gehalten. Trotz des kalten Wetters ging es mit dem offenen LKW zur Arbeit. Auch musste ich noch einmal mein Quartier wechseln, es war eine kalte Bude. Dann kam eine Besichtigung von einem englischen Kaptain, ob auch Quartier und Kompanie sich in einem guten Zustand befänden. Es schien ihm alles in Ordnung.

Es war möglich, am 20.12.1945, in Urlaub zu fahren, aber nicht einfach, nach Hamburg zu kommen. Ab Bremen fuhr ich auf einer Lokomotive nach Hamburg. Verlebte schöne Tage über Weihnachten. Natürlich brachte ich das Thema meiner Entlassung im Rauhen Haus und bei Pastor Forck vor, man möge Gesuche an die Engländer schreiben. Am 3.1.1946 musste ich leider schon wieder zurückfahren.

1946

Bekam doch vom (Offizier) Hauptmann Gärtner am 25. Januar 1946 wieder einen Kurzurlaub bewilligt. Die Züge fuhren unregelmäßig. Vor uns war vor Hamburg ein Güterzug entgleist und wir mussten in der Nähe von Dibbersen aussteigen. Es ging bis zur Chaussee zu Fuß weiter. Am Gasthaus Dibbersen warteten wir auf ein Auto, welches uns nach Hamburg mitnahm. So um 5.00 Uhr nachmittags war ich im Haus und meine junge Frau strahlte vor Glück, sie hatte auch eine Neuigkeit: Wir werden eine Familie.

Am 27.1.1946 hatte mein Schwiegervater Pastor Forck von der Martinsgemeinde eingeladen und so nebenbei erzählte Pastor Forck, dass er damals nach dem Festvortrag in Hoheluft bei der Concordia angezeigt worden sei und mehrere Male bei der Gestapo vorgeladen gewesen war. Am 30.1.1946 nahm ich wieder Abschied und wurde von Lisa zur Bahn gebracht. In Kattenvenne gingen die Tage mit Arbeit eintönig dahin. Gut, dass ich in der Gemeinde zur Jugendarbeit herangezogen wurde. Ab und zu saß ich im Studierzimmer des Pfarrhauses und konnte einige Bücher lesen. Am 8.2.1946 war bei strömenden Regen Abmarsch nach Mecklenbek in der Nähe von Münster. Wir bezogen ein Barackenlager, was glücklicherweise in Ordnung war. Es war so groß, dass hier 4 Kompanien von über 1.200 Mann untergebracht wurden. Unsere Baracke hatte einen Ofen und abends hatten wir elektrisches Licht. Alles wurde mit der Zeit wohnlich eingerichtet, auch der Fußboden wurde mit Öl eingerieben, damit er beim Fegen nicht staubte. Zum Gottesdienst ging ich 5 km nach Münster. Alle Dörfer ringsum waren katholisch.

Die Tage, trotz Schnee, sind schön, denn jetzt kam endlich die Briefpost durch. Zwischendurch war ich mehrere Male auf dem Krankenrevier. Ich bemühte mich, auf Grund meines Magengeschwürs entlassen zu werden. Aber alles war leider vergeblich, sollte wohl meine Tage hier arbeiten. Oft wurden wir zum Kartoffelschälen herangeholt. Wir fuhren auch viel nach Münster und ich verhandelte mit der Kirchenleitung wegen der Betreuung der Lagerinsassen. Auch besorgte ich in Münster Bücher und Schriften von der Kirche für das Lager. Ein großer Barackenraum für Gottesdienste und ein kleinerer Raum für Bibelstunden und Unterricht wurden zur Verfügung gestellt. Nach Rücksprache mit Hauptmann Gärtner wurde im Lager ein schwarzes Brett angebracht und Nachrichten aus der gesamten Kirche ausgehängt. Vorträge die im Lager von Männern der Kirche gehalten wurden, und Lagergottesdienste wurden angekündigt. Manchmal standen die Kameraden vor dem schwarzen Brett und diskutierten über das Ausgehängte.

Von einem Tischler im Dorf sollte mir gegen Tabak ein kleines Kinderbettchen angefertigt werden. Immer wieder versuchte ich auch, meine Entlassung ins Spiel zu bringen. Vielleicht würde ich als Bezirks-Diakon im Raume Münster eingesetzt werden. Die Kirchenleitung hatte von mir einen Lebenslauf bekommen. Eine Abschrift ist erhalten geblieben.

Gegenüber vom Lager auf der anderen Seite hatten ein paar ältere Damen ihr Behelfsheim. Als ich hörte, dass sie evangelisch seien, war bald darauf ein Besuch fällig. Es blieb aber nicht bei einem. Ich wurde oft zum Kaffee eingeladen und bei einem Plausch hörte ich auch einiges aus ihren Leben. Seit über einem Jahrzehnt waren sie hier schon ansässig und hatten mit den Katholiken so allerlei erlebt. Wenn sie in Münster einkaufen wollten, wurden sie oft als Ketzerinnen abgewiesen. Ja, die Bevölkerung musste sich hier auch in ihrem kirchlichen Denken umstellen.

Es waren viele Flüchtlinge ins Land gekommen und auf den Dörfern untergebracht worden. Manche evangelische Flüchtlingsfamilie besuchte ich und dann waren die katholischen Bauern erstaunt, dass mit einem Mal ein evangelischer Diakon in der Haustür stand und nach der evangelischen Familie fragte.

Wenn ich auch vom Kirchenamt als Lagerbetreuer eingesetzt worden war, so forderte der Engländer die Dienstgruppe immer wieder zu Arbeitseinsätzen an. Lange Zeit waren wir mit einem Trupp in Münster in den Kasernen tätig. Hier wurde Bestandsaufnahme von den Gegenständen, die noch vorhanden waren, vorgenommen: Türgriffe, Schlösser, Fenstergriffe und Brennstellen. Alles wurde in 5facher Ausfertigung aufs Papier gebracht. Wir Deutsche sind schon pingelig, aber die Engländer waren es noch mehr. Immer wieder wurden wir trotz Schnee und Kälte auf offenen Lastwagen zur Arbeitsstelle gefahren. Später wurde ich als Vermessungsbeamter auf dem Arbeitsamt eingesetzt und hatte schriftliche Arbeiten zu erledigen. Hier kam auch der Tag, an dem man seinen Wehrmachtsführerschein zu einem privaten umschreiben lassen konnte.

An dieser Stelle soll auch der Kameraden gedacht werden, die im Lager treulich bei der Betreuung mitgeholfen haben. In der Nähe war eine ehemalige Flakstellung. In den Baracken waren viele Flüchtlinge untergebracht, die wir nicht vergessen durften. Mancher war dankbar für den Besuch, wenn wir auch nichts Essbares mitbringen konnten.

Am 28.9.1946 wurde unsere Tochter geboren. Ich bekam aber erst am 29.9. Bescheid und ging vor Freude im Wald spazieren. Einen Tag später bekam ich Kurzurlaub. Mein Erscheinen brachte bei der jungen Mutter einige Freudentränen. Die Familie war zusammen. Meine Mutter besuchte ich später in der Anstalt und erzähle ihr, dass sie Großmutter geworden sei. Sie freute sich sehr.

Am 5. Oktober 1946 musste ich schon wieder im Lager sein, konnte aber am 6.10. nach Kattenvenne fahren und das dortige Erntedankfest in der Kirche mitfeiern. Überhaupt war Kattenvenne immer mal so ein Ausweichquartier.

Meine Frau schrieb, dass am Reformationstag, der in Hamburg durch die Engländer zum gesetzlichen Feiertag erklärt worden war, Christa getauft werden solle. Natürlich holte ich mir für dieses Fest Urlaub. Im Gottesdienst wurde die Kleine getauft und anschließend gab es eine Feier mit dem, was wir an Nahrung hatten. Zum Beispiel gab es zum Kuchen Schlagsahne aus Magermilch. Bei allem waren wir aber eine frohe Gesellschaft mit den Eltern und Paten.

Eines Tages kam mir der Gedanke, Weihnachten war nicht mehr fern, die Gemeinde könnte Kameraden aus dem Lager aufnehmen und bei ihnen Weihnachten feiern lassen. Also auf zu dem katholischen Pfarrer und mit ihm über diese Möglichkeit gesprochen. Wer hätte es gedacht, man hat diesen Gedanken aufgenommen und von den Kanzeln um Aufnahme für die Weihnachtszeit gebeten und auch Gehör gefunden. Viele der Kameraden konnten so Weihnachten wieder in einer Familie feiern.

Zur Weihnachtszeit durfte ich wieder in Urlaub fahren und weil die Züge überfüllt waren, schlüpfte ich ins Bremserhäuschen und fuhr so bis Hamburg alleine mit. Zu Hause begingen wir mit der Familie ein harmonisches Weihnachtsfest. Zu ersten Mal war unsere kleine Christa dabei, viel wird sie nicht mitbekommen haben.

1947

Kurz war die Zeit zu Hause und am 2. Januar 1947 saß ich schon wieder in der Bahn, um abends im Lager zu sein. Alle 14 Tage habe ich Gottesdienst, dazwischen löst mich mein lieber, väterlicher Freund, Studienrat Schmidt, immer wieder ab. Er wurde mir vom Kirchenamt in Münster empfohlen. Als wir uns miteinander bekannt machten und über die Arbeit im Lager sprachen, war er sofort bereit, mit Hand anzulegen. Mit heißem Herzen hat er den Dienst für unseren Herrn Jesus Christus getan und unsere Freundschaft hat über seinen Tod hinaus gedauert. Von seinen Kindern wurde ich gebeten, zu seinem 90jährigen Geburtstag einen Bericht über die Arbeit im Mecklenbecker Lager zu schreiben, was ich gerne tat. In Bösensee und auf der Geist wurden Bibelstunden und Jugendstunden gehalten, die später von den Pastoren und Diakonen übernommen wurden.

Immer wieder versuchte ich auf verschiedenen Wegen zu einer Entlassung zu kommen. Wir waren oft wegen der Verpflegung in Bad Salzufflen und ich versuchte dort bei einem britischen Offizier mit meinem Anliegen durchzukommen. Zwischendurch kam mir zu Ohren, dass man im Bischofsamt in Münster über meine Person Erkundigungen eingeholt hatte, ob meine Arbeit der katholischen Kirche nicht schade. Aber ich hörte keine Beanstandungen von irgendeiner Seite.

Beim Durchblättern meines Tagebuches finde ich unter dem Datum vom 30. März 1947: „Festlicher Tag. 1. Konfirmation im Lager. Über 140 Personen im brechendvollen Saal. Studienrtat Schmidt nimmt die Einsegnung der Konfirmanden vor.“

Dann war ich erst einmal kurz auf Urlaub. In Mecklenbeck passierte etwas Eigenartiges: Am 15. April hielt ich die Bibelstunde, diesmal waren nur Frauen gekommen. Am Schluss wurde noch über einiges geklönt. Unter anderem wurden über 300 DM, die als Spende gesammelt wurden, fürs Hilfswerk abgeliefert. Dann kam das Gespräch mit einem Mal auf eine Kirche, die wir hier in Mecklenbeck haben müssten. Vielleicht schenke uns der Herr noch ein Baugrundstück.

Dies war am 15.04.1947 und jetzt ein Blick in die Zukunft: Wir schreiben inzwischen das Jahr 1966. Tag Christi Himmelfahrt. Da wird in Mecklenbeck der Grundstein für die Martin-Luther-Kirche gelegt. Am Reformationsfest 1967 ist die Kirche eingeweiht. So hat der Herr über unsere Arbeit seinen Segen ausgeschüttet.

Aber erst einmal wurde ich weiter in Mecklenbeck festgehalten. Mein Auftrag war noch nicht erfüllt, so sollte man es wohl ansehen. Es war Sonntag Morgen. Ganz früh standen zwei Männer an meinem Bett und baten mich, zu einer Frau zu gehen, um ihr zu sagen, dass ihr Mann während einer Versammlung plötzlich zusammengebrochen und gestorben sei. Ich zog mich schnell an und ging mit den beiden Männern auf den Bauernhof, wo die Familie untergebracht war. Nur mit der Kraft des Glaubens und der inneren Bitte um die rechten Worte, konnte ich der Frau die schwere Nachricht überbringen. An diesem Morgen hatte ich auch noch den Gottesdienst und anschließend den Kindergottesdienst zu halten. Am nächsten Tag war ich in Albachten bei dem katholischen Pfarrer. Es ging um einen Platz auf dem Friedhof. Früher durften keine evangelischen Leute auf einem katholischen Friedhof ein Grab haben. Aber der Pfarrer erteilt die Genehmigung und so konnte ich der Frau Harder und Studienrat Schmidt mitteilen, dass der Beerdigung nichts im Wege stand. Am 7. Mai 1947 war dann die Beerdigung und eine große Zahl von Trauernden folgte dem Sarg. Für die Gegend, die ja rein katholisch ist, war es doch etwas Besonderes, was sich vor ihren Augen abspielte.

Es galt später eine Fahrt vorzubereiten. Am Himmelfahrtstag trafen wir uns im Lager. Wir waren eine fröhliche Schar von 20 Jungen und Mädel. Es ging in Richtung Coesfeld in ein großes Heidegebiet, in dem wir uns tummelten . Um ca. 19.30 Uhr waren alle wohlbehalten wieder im Haus.

Nicht vergessen möchte ich die liebe Familie Lücke. Manches Mal waren wir bei ihnen eingeladen. Als einmal meine Urlaubszeit bevorstand, bekam ich von ihnen für unsere Familie ein Huhn in einem Käfig mit. In der Bahn hat es wohl vor lauter Angst ein Ei gelegt. Immerhin baute mein Schwiegervater im Garten einen Hühnerstall und der Grundstock für eine Hühnerfarm mit dem ersten Huhn war gelegt.

Am 7. Juli 1947 kam meine Frau ins Lager und lernte so auch die Mecklenbecker Gemeinde kennen. Wir bekamen ein Barackenzimmer, welches wir erst einmal in Ordnung bringen mussten. Wir waren bei einigen Familien eingeladen und fuhren später nach Kattenvenne und holen dort fünf Küken ab, die wir mit einer Glucke von Lückes, trotz überfüllter Züge, nach Hamburg bringen konnten. Zu Hause wurde in den nächsten Tagen im Garten gearbeitet. Es wurd Kohl und anderes Gemüse gepflanzt, denn die Familien wollen ernährt sein. Montag, den 21. Juli 1947, ging es wieder ab nach Mecklenbeck. Frau und Kind nahmen Abschied.

In einer Jugendstunde in Mecklenbeck wurde der Entwurf für unseren Wimpel gemacht und eine Mutter war so lieb, uns den anzufertigen. Auf mancher Fahrt und Freizeit war er dabei und zeigte an, wir sind die Mecklenbecker Jugend.

Der August, der letzte Monat im Lager, war mit viel Gemeindearbeit ausgefüllt. Der 29.8.1947 war ein besonderer Tag in meiner Gefangenschaft: Die Bekanntgabe unserer Entlassung. Jetzt hießt es, schnell handeln, denn das Lager und die Gemeinde durften nicht verweisen. Also ging es sofort zu Studienrat Schmidt hin und es wurde über den Fortgang der Arbeit gesprochen. Noch am 31.8.1947 machten wir mit der evangelischen Jugend von Mecklenbeck eine Fahrt in die Coesfelder Heide. Ich wurde von etlichen Gemeindemitgliedern aufgesucht, die von meiner Entlassung gehört hatten.

Im Hinblick auf den Weggang mussten noch viele Dinge geregelt werden. Ein Helferkreis kam noch zusammen, organisatorische Angelegenheiten wurden besprochen und die geldliche Seite musste zu ihrem Recht kommen. Natürlich versprach ich, die Mecklenbecker bei nächster Gelegenheit wieder zu besuchen.

Am 5.9.1947, um 8.00 Uhr, ging es vom Lager los. Wir wurden mit LKWs zum Bahnhof Münster gefahren und dann in Güterwagen verladen. Abends um 19.30 Uhr waren wir in Munsterlager und bezogen die Baracke 105. Am nächsten Tag wurden nochmals die Entlassungspapiere kontrolliert, und dann sollte es hoffentlich weitergehen. Es wurde auch noch von anderen Einsätzen geredet. Am Sonntag, um 9.00 Uhr, wurden wir auf die Lastwagen verladen und ab ging es in Richtung Hamburg. Am Berliner Tor wurden wir ausgeladen und jeder musste sehen, wie er weiter kam. Zu Hause landete ich mit meinem Holzkoffer, zum Erstaunen meiner Lieben, ganz plötzlich, verschwieg aber erst einmal meine Entlassung. Beim Kaffeetrinken kam dann die Überraschung: Ich war kein Kriegsgefangener mehr und musste nicht mehr weg. Alles jubelte.

 


 Lesen Sie diese und viele andere Fluchtberichte im Buch:

Band 15

Zeitlebens im Gedächtnis 

Deutsche Schicksale um 1945

Wir zahlten für Hitlers Hybris

band15mini1945kriegsende.jpg

Bestellungen (13,90 €) am schnellsten direkt beim Herausgeber gegen Rechnung

 weitere Indexsites des Webmasters:

maritimbuch.de

maritimbuch.klack.org/index

Juergen Ruszkowski_Hamburg-Rissen.klack.org
www.seamanstory/index

seamanstory.klack.org/index

Jürgen Ruszkowski npage
maritimbuch.npage

seemannsschicksale.klack.org

Jürgen Ruszkowski google
seefahrt um 1960_npage

seeleute.klack.org

theologos.klack.org

seefahrtserinnerungen google

seefahrer.klack.org Theologisches bei Jürgen Ruszkowski
seefahrtserinnerungen npage seefahrtserinnerungen klack.org Diakone Rauhes Haus_/klack.org
salzwasserfahrten_npage maritimbuch.kilu.de Rauhes Haus 1950er Jahre_google

maritime_gelbe_Buchreihe_google

hafenrundfahrt.klack.org

Rauhes Haus 1950er Jahre npage

sites.google.com/site/seefahrtstory

schiffsbild.klack-org

Rauhes_Haus_Diakone_npage
seeleute_npage

schiffsbild.npage

Rauhes Haus Diakone google

nemesis_npage

zeitzeugenbuch.klack.org

seemannsmission npage

  zeitzeugenbuch.wb4.de

seemannsmission.klack.org

 

zeitzeugen_1945_npage 

seemannsmission google

maritimbuch/gesamt

zeitzeugen_1945_google 

seamanstory.klack.org/gesamt

maririmbuch/bücher

seamanstory.klack.org/Bücher

meine google-bildgalerien

maritimbuch.erwähnte Schiffe

subdomain: www.seamanstory.de.ki
Monica_Maria_Mieck.klack.org/index

Diese wesite existiert seit 29.10.2011 - last update - Letzte Änderung 29.10.2011 22:42:55

Jürgen Ruszkowski ©   Jürgen Ruszkowski  © Jürgen Ruszkowski