Völschndorf 1945

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Völschndorf bei Stettin - Kriegsende 1945

1945: Kriegsende und Vertreibung aus den deutschen Ostgebieten

hier speziell:

Völschendorf bei Stettin in Pommern 1945


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   Flucht 1945   - 1945 Krause: Völschendorf bei Stettin

 

nordwestlich von Stettin lag der kleine Ort Völschendorf Keinen Augenblick vor Gewalttaten sicher

Erinnerungen des Völschendorfer Dorfpastors Roland Krause aufgezeichnet 1949

Von 1933 bis zu meiner Ausweisung durch die Polen am 6. Mai 1946 war ich Pastor von Völschendorf bei Stettin.

Zur Muttergemeinde Völschendorf gehörten noch die beiden Filialgemeinden Polchow und Brunn, dazu einige Außenposten. Als 1945 die feindliche Front immer näher rückte, und mit dem baldigen Zusammenbruch zu rechnen war, verzogen manche Gemeindeglieder nach dem Westen, um der bevorstehenden Bolschewisten-Invasion zu entgehen...

Ich selber war zum Ausharren entschlossen, solange die Gemeinde als solche daheim blieb. Das Wort des Herrn vom „Mietling“ (Joh. 10,12,13) schien mir keine andere Deutung zuzulassen.

Sollte aber die gesamte Gemeinde evakuiert werden, so hielt ich mich für berechtigt, mich ihr anzuschließen und nicht verpflichtet, wegen einiger eventuell daheim bleibender Querköpfe gleichfalls in Völschendorf zu bleiben. Diese meine Auffassung unterbreitete ich der Kirchenaufsichtsbehörde, bevor sich dieselbe von Stettin nach Greifswald verzog, und fand deren uneingeschränkte Zustimmung.

Am 25. April 1945, als allen gegenteiligen Versicherungen zum Trotz die Russen die Oderlinie überrannten und das nahe Stettin besetzten, gab die Partei als letzte ihrer Lebensäußerungen den Befehl zu allgemeiner Räumung und zum Abzug in Richtung Ueckermünde.

In langen Zügen bewegten sich nun die Trecks, untermischt mit flüchtenden Stettinern und zahllosen deutschen Soldaten nach Westen. Unterwegs gab’s mehrfach Fliegerbomben, die auch Opfer forderten. Von irgend einer Ordnung des Zuges konnte keine Rede sein. So ging es unaufhaltsam in Tag- und Nachtmärschen westwärts. Auf der Chaussee von Greifswald nach Stralsund wurden wir von russischen Panzern überholt. Die Hoffnung, den Russen entgehen zu können, war damit zunichte geworden. Wir kehrten also wieder nach Osten um. Die nun folgenden zwei Wochen waren eine unaufhörliche Kette von Plünderungen, Bedrohungen und Beschimpfungen durch die russische Soldateska. Die gellenden Hilfeschreie der von jenen menschlichen Bestien (besonders des Nachts) vergewaltigten deutschen Frauen und Mädchen, denen man nicht helfen konnte, werden uns wohl bis ans Lebensende verfolgen.

Nicht weniger schlimm waren die vielen Polen, die in den Trecks mitzogen und nun ihre lang aufgespeicherte Wut an den wehrlosen Deutschen ausließen. Mitte Mai kamen wir wieder in dem vollkommen ausgeplünderten Völschendorf an, wo eine starke russische Truppeneinheit einquartiert war.

In das völlig ausgeraubte, aber vorerst noch nicht besetzte Pfarrhaus zogen einige Familien ein.

Wie wir alsbald von den Überlebenden der ganz dort Gebliebenen erfuhren, hatten sich in Völschendorf derweil schreckliche Dinge abgespielt. Verschiedene hatten es entgegen der ausgegebenen Parole für richtig befunden, nur für einen Tag in den nahen Brunner Wald zu fliehen und am nächsten Tag wieder zurückzukehren, in der irrigen Annahme, nun werde sich die erste Erregung gelegt haben und ihnen keine Gefahr mehr drohen. Sie sahen sich in dieser Annahme furchtbar getäuscht. Den größten Bauern des Dorfes, Walter Sp., einen sehr ehrenwerten, seinen Untergebenen gegenüber recht strengen Mann, fand man am Tage darauf mitsamt seinen Familienmitgliedern und Hausgenossen im Hause erhängt vor. Im Ganzen sieben Opfer. Der ca. 45jährige Bauer, seine 35jährige Frau, der kleine Junge und das kleine Mädchen (drei und ein Jahr alt), seine 45jährige Schwester, eine ältere Hausgehilfin und ein 17jähriges Pflichtjahrmädchen. Es war als Selbstmord frisiert, doch zweifelte niemand daran, dass es sich um Mord handelte.

Eine andere Familie, Julius M., auch aus acht Personen bestehend (67jähriger Großvater, gleichaltrige, halb gelähmte Großmutter, Vater und Mutter, 40 bzw. 36 Jahre alt und vier blühende Kinder im Alter von zwei bis 14 Jahren) hat man in einer Scheune verbrannt. Anzunehmen ist, dass man sie vorher erschlug oder erschoss.

Ein Bauer H., der seine ca. 30jährige Frau nicht den Russen preisgeben wollte, wurde niedergeschlagen, worauf sich diese drei Bestien neben dem Sterbenden auf die Frau stürzten. Ein Bauer, Kirchenältester, dessen 37jährige Frau und deren 80jährige Tante gingen am Tag darauf in den nahe gelegenen Glambecksee, aus dem hernach ihre zusammengebundenen Leichen herausgefischt wurden.

Ein anderes treues Gemeindeglied, Gärtner B., dessen achtbare Frau und deren einzige Tochter, die soeben konfirmiert war und durch ihr aufgewecktes und dem Worte Gottes offenes Wesen mir immer besondere Freude gemacht hatte, hatten sich in tiefer Verzweiflung erhängt.

Was müssen diese armen Menschen durchgemacht haben, ehe sie, die ich als frohe, lebensbejahende und zum Teil gottesfürchtige Menschen gekannt habe, sich zu solchem Verzweiflungsschritt entschlossen!

Es wäre ermüdend, wollte man alle gleichen oder ähnlichen Fälle, die sich in all den dortigen Gemeinden ereignet hatten, aufzählen. Ganze Familien haben sich vergiftet, erhängt oder den Tod im Wasser gesucht. Ganz besonders viele Frauen und Mädchen, die die ihnen angetane Schmach nicht überleben wollten.

Die ersten zwei Monate der Russenherrschaft waren besonders schwer. Man war keinen Augenblick vor Gewalttaten sicher und fühlte sich vollkommen rechtlos. Besonders schlimm waren die Nächte, weil da immer wieder Russen in das Haus einzudringen suchten, um über die Frauen und Mädchen herzufallen. Meine russischen Sprachkenntnisse ermöglichten mir dann lange Unterredungen durch die geschlossenen Türen, wobei es von Seiten jener nicht an fürchterlichen Drohungen fehlte. Am wirksamsten erwies sich lautes Hilfeschreien aus den Bodenfenstern. Dann rückte nämlich die Wache von der nahe gelegenen Kommandantur heran, da solche Überfälle ja offiziell verboten waren. Natürlich steckten die Kerle unter einer Decke... aber immerhin, der Schein musste gewahrt bleiben. Dass die Russen die in den Wirtschaftsgebäuden sowie im Pfarrgarten an gut getarnten Stellen mit großer Vorsicht vergrabenen Sachen mit geradezu hellseherischer Sicherheit aufgefunden haben, sei nebenbei bemerkt. Bis auf die Bücher, für die sie kein Interesse hatten, war alles verschwunden bzw. zerschlagen.

Im Laufe des Septembers wurden die Russen von den Polen abgelöst, die dort die Verwaltung übernahmen. Dies geschah, obwohl Völschendorf noch westlich der durch Stettin fließenden Oder liegt. Außer Stettin beanspruchten die Polen noch einen erheblichen Brückenkopf westlich der Oder, der eine große Anzahl von Gemeinden, darunter auch unseren Pfarrsprengel umfasste.

Abgesehen von den Frauenjagden, die bei den Russen schlimmer waren, bedeutete der Wechsel eine weitere Verschlechterung.

Während bei den Russen die Lebensmittelversorgung der deutschen Bevölkerung zwar unregelmäßig, aber immerhin einigermaßen ausreichen war, gab es bei den Polen zuerst nur Brot (drei Pfund pro Woche) und späterhin dies auch nur für solche, die für die Polen arbeiteten. Andere, z. B. Frauen mit kleinen Kindern, die das nicht konnten, bzw. von den Polen nicht benötigt wurden, bekamen, wenn sie sich um etwas Milch für ihre Kinder bemühten, zu hören: „Deutsche sollen Wasser saufen!“

Und wenn man fragte, wovon man denn leben sollte, konnte man zur Antwort bekommen: „Auf euren Friedhöfen ist ja noch genug Platz!“ Dass unter solchen Umständen die Sterblichkeit, besonders unter den Ortsfremden, ungeheuer war, lässt sich denken. Und dass man selbst am Leben blieb und sich häufig wie von den Raben des Elias gespeist vorkam, wenn einem noch mal im letzten Augenblick ein treues Gemeindemitglied ein Brot oder dergleichen ins Haus brachte, stimmte das Herz immer zu Lob und Dank.

Im übrigen war das Leben unter den Polen eine Hölle! Das ganze Pfarrgehöft wurde einem bestimmten Polen übertragen, welcher dort als Besitzer schaltete und waltete und von dessen Willkür man abhängig war. Von ihm wurde einem ein kleines Zimmer als Aufenthaltsraum zugewiesen. Irgendwelche Rechte besaß man als Deutscher nicht. Als Beispiel sei angeführt, dass die Russen einem in der Nachbargemeinde wohnhaften deutschen Arzt sein Fahrrad belassen hatten, damit er die Kranken der Nachbargemeinde besuchen könne. Alle sonstigen Deutschen wurden die Fahrräder sofort geraubt. Als nun ein halbwüchsiger Polenbengel eines Tages das Fahrrad nahm, half kein Protest des Arztes. Der Räuber war ja Pole und hatte somit Recht! Der Beraubte dagegen war ja „nur“ Deutscher und musste sich fügen. Die Plünderungen und Räubereien waren so allgemein geworden, dass man sie kaum noch erwähnte, sondern als Selbstverständlichkeit hinnahm. Irgend ein Recht hatte man als Deutscher ja sowieso nicht mehr.

Was das kirchliche Leben während der Russen- bzw. Polenzeit anbetrifft, ist folgendes zu sagen: Überraschenderweise war sowohl die Völschendorfer Kirche, als auch die Kirchen der Filialgemeinden von den Russen verschont geblieben. Zweifellos nicht aus Pietät, sondern mit Rücksicht auf die westlichen Alliierten und aus Propagandagründen.

Auf meine Anfrage, ob Gottesdienste stattfinden und Amtshandlungen verrichtet werden könnten, erhielt ich von der russischen Kommandantur eine zustimmende Antwort. Somit fanden also in Völschendorf sowie in einer der Filialgemeinden gutbesuchte und ungestörte Gottesdienste statt. An Amtshandlungen kamen nur die sehr zahlreichen Beerdigungen in Frage.

Als die Polen kamen, blieb’s vorerst beim Alten. Erst im Januar 1946 wurde mir der Völschendorfer Kirchenschlüssel abgefordert, die Kirche zu einer polnisch-katholischen erklärt, innen mit Beichtstuhl entsprechend umgebaut und der deutschen Gemeinde die Weiterbenutzung untersagt. Dass Gedenktafeln usw. vorher aus der Kirche entfernt und deutsche Bibelsprüche vorher von den Wänden abgekratzt wurden, ist selbstverständlich. Völschendorf von den Polen in „Wołczkowo“ umbenannt sollte eben rein polnisch und rein katholisch werden.

Eine besonders schwere Zeit brach für mich am 20. Januar 1946 an. Als ich einige, mir am Tage zuvor von einem Polchower Gottesdienstbesucher überreichte Briefe, die auf eine mir unbekannte Weise über die „grüne Grenze“ gekommen und an Völschendorfer Gemeindemitglieder gerichtet waren (die Polen beschlagnahmten alle deutschen Postsendungen!) an die wohlbekannten Adressaten weitergegeben hatte, war ich dabei von Polen beobachtet worden und wurde daraufhin verhaftet und zur polnischen Gestapo in der nahe gelegenen Glambecksiedlung gebracht. Dort wurde ich als erstes fast bis zur Besinnungslosigkeit geprügelt, bekam u.a. die Bastonade auf die nackten Fußsohlen und wurde sodann für eine Nacht in einen eiskalten Keller eingesperrt. Tags darauf hörten die Misshandlungen zwar nicht ganz auf, wurden für mich aber erträglicher.

Drei soeben eingelieferte Leidensgenossen aus einem Nachbardorf, jünger als ich und zudem Parteigenossen, wurden dagegen aufs unmenschlichste misshandelt. In jenem ersten Gefängnis mussten wir tagsüber hart arbeiten, bekamen aber gutes und reichliches Essen. Nachts wurden wir in einen eiskalten Keller eingesperrt, wo wir ohne Pritschen und Decken auf dem Steinfußboden sitzen mussten.

Nach einer Woche wurden wir nach Stettin gebracht und dem Gefängnis des Polizeipräsidiums überwiesen. In der Wachstube gab’s bei der Einlieferung noch schlimmere Misshandlungen durch die hasserfüllte Wachmannschaft. Außer Ohrfeigen und Schlägen mit Gummiknüppeln auch Fußtritte in den Unterleib. Die Zelle, in die ich kam, wies sieben Pritschen auf (selbstverständlich ohne Decken), hatte aber über 20 Insassen und war schmutzig und unvorstellbar verlaust. In den folgenden Nächten wurden immer wieder Einzelne herausgeholt, um in der Waschstube misshandelt zu werden. In der zweiten Nacht wurde auch der „deutsche Pastor“ geholt. Es gab fürchterliche Hiebe mit dem Gummiknüppel sowie mit einem schweren Schemel, der mir dreimal ins Kreuz geschmettert wurde. Dass ich bei meinem Alter und meiner nicht allzu kräftigen Konstitution diese Misshandlungen lebend überstand, sehe ich als ein Wunder Gottes an. Die Ernährung war sehr kümmerlich und langte kaum zur Stillung des ersten Hungers. In dieser Zelle feierte ich ein wehmütiges Wiedersehen mit einem 30jährigen Völschendorfer (Georg Borchert), der einige Monate vorher verhaftet worden war, den ich als kraftstrotzenden Mann in Erinnerung hatte, und der mir nun als ein ausgemergelter, kraftloser Greis entgegentrat. Er war Soldat gewesen und hatte im Krieg einen Arm verloren. Dies hatte ihn aber keineswegs vor den üblichen Misshandlungen geschützt. Drei Tage später starb er. Es war übrigens der vierte Völschendorfer, der in einem Gefängnis – und zwar an Misshandlungen, Unterernährung und Läusen – gestorben war. Vor ihm starben ein Gastwirt (Julius Mandelkow), unser Bürgermeister (Hermann Westphal) und ein nach Völschendorf evakuierter ehemaliger Polizeibeamter. Letzterer war zart gebaut, die beiden ersten dagegen früher kraftstrotzende Männer.

Wieder eine Woche später wurden wir in ein anderes Stettiner Gefängnis (im Keller eines früheren Finanzamtes) überführt. Ich kam in eine große Zelle, die nur mit 50 Mann belegt war. Die Ernährung war hier etwas besser als im Polizeipräsidium, immerhin aber noch so, dass man das Gefühl des Hungers nie los wurde. Ein älterer, schwindsüchtiger Mann starb eines nachts. Manche Tage verliefen ruhig, an anderen mussten alle auf den engen Gang hinaustreten, wo allerhand Übungen angestellt wurden. Wurde ein Kommando nicht schnell genug befolgt, trat der Gummiknüppel in Tätigkeit. Ich war die ganze Zeit über durch meine starke Kurzsichtigkeit sehr behindert, da man mir meine Fernbrille zerschlagen und die Lesebrille fortgenommen hatte. In einigen Nächten stürzten betrunkene Polen in unsere Zelle und schlugen mit dem Ruf „Ihr Gestapo, Ihr SS“ schwere Stühle auf unseren Schädeln entzwei. Dass dabei keine Todesfälle, sondern nur viele blutende Kopfverletzungen vorkamen, war eine gnädige Bewahrung. Das einzig Gute, was uns die Polen erwiesen, war die eines Tages „auf amerikanische Art“ durchgeführte Entlausung, wodurch wir im Nu von dieser furchtbaren Plage befreit waren.

Ein heller Lichtblick in jenem dritten Gefängnis waren die Andachten, die ich auf Wunsch einiger Zellengenossen an den Sonntagen halten durfte. Natürlich in denkbar einfachster Form, ohne Gesang oder sonstige Ausschmückung. Um besondere Erlaubnis wurde nicht gebeten, da wir sonst eventuell mit einem Verbot hätten rechnen müssen. Die ganze Zeit über stand aber einer am Guckloch und gab ein Zeichen, wenn ein Pole draußen vorüberging, desgleichen, wenn die Luft wieder rein war. Sämtliche Zelleninsassen, von denen sicher viele der Kirche ganz entfremdet waren, hörten aufmerksam, manche in sichtbarer Bewegung, dem schlichten Zeugnis zu, das ich in diesen „Katakomben-Gottesdiensten“ ablegen durfte. Ich war dankbar für diesen Dienst, den ich den Leidensgenossen tun durfte und glaubte bestimmt, dass manches Samenkorn auf wohl vorbereiteten Herzensacker fiel. Als ich am Freitag, dem 3. März 1946 freikam, mischte sich in meine Freude ein stilles Bedauern darüber, am darauf folgenden Sonntag dort im Gefängnis nicht mehr mit dem Worte dienen zu können.

Meine Freilassung erfolgte nach siebenwöchiger Haft durch den Spruch des polnischen Prokurators. Die vorhergehende „Gerichtsverhandlung“ sah nur drei Personen: Den Prokurator, den Gerichtsschreiber und den Angeklagten, der auf Kosten der Republik freigesprochen wurde.

In Völschendorf war ich längst totgesagt worden. Ich war körperlich stark entkräftet und konnte mich darum in den letzten Wochen, abgesehen von einigen Beerdigungen und einer Osterandacht in kleinem Kreise, kaum betätigen.

Dass unmittelbar nach meiner Verhaftung im Zimmer des Verbrechers eine strenge Hausdurchsuchung stattgefunden hatte, bei welcher Gelegenheit all mein Bargeld sowie meine letzten Wäsche- und Kleidungsstücke an den klebrigen Fingern der „polnischen Polizei“ haften blieben, sei nebenher erwähnt.

Auf dem Wege zum Nachbardorf, wohin ich stellvertretender Weise zwei Beerdigungen wegen ging, wurde ich von drei russischen Soldaten eines dort in der Nähe stationierten „Kuhkommandos“ durch Faustschläge stark misshandelt, weil ich, um ihnen zu entgehen, in der falschen Annahme, nicht von ihnen gesehen zu werden, törichterweise seitwärts in den Wald ausgewichen war, anstatt auf der Landstraße zu bleiben.

Als ich aus dem Gefängnis zurückkam, war ein Teil der deutschen Bevölkerung Völschendorfs schon ausgewiesen worden. Die Lage wurde für die Deutschen immer unerträglicher. Selbst alteingesessene Bauern, deren Familien schon Jahrhunderte lang auf ihrem Land saßen und die mit allen Fasern ihres Herzens an der Heimat hingen, sehnten den Tag ihrer Ausweisung herbei. Immer wieder wurden in Bezug auf den Termin falsche Parolen herausgegeben und dadurch viel Verwirrung angerichtet. Offenbar lag dies in der Absicht der Polen, die uns mürbe machen wollten.

Endlich am 6. Mail 1946 schlug für den zweiten Schub, zu dem auch ich gehörte, die Befreiungsstunde! ... Am frühen Morgen wurde man tatsächlich von der polnischen Polizei angewiesen, sich eine Stunde später auf dem Platz vor der Kirche einzufinden. Mitnehmen durfte jeder nur so viel, wie er selber tragen konnte...

In Stettin-Frauendorf gab’s noch eine eintägige Wartezeit, wo der polnische „Zoll“ alles Mitgebrachte durchwühlte und Brauchbares zurück hielt und sodann am nächsten Tage einen kurzen Marsch bis zu dem im dortigen Hafen liegenden deutschen Dampfer, der uns unter Aufsicht eines englischen Wachkommandos in zweitägiger Fahrt nach Lübeck brachte. Dass die englischen Soldaten nicht schimpften noch schlugen, sondern sich sogar höflich und hilfsbereit zeigten, schien uns nach all den gegenteiligen Erfahrungen mit Russen und Polen fast wie ein schöner Traum. Einer der glücklichsten Momente meines Lebens war der Augenblick, als sich das Schiff langsam vom Pier löste, die Ufer stehenden Polen immer weiter zurück blieben und wir armen Bettler einer neuen, ungewissen Zukunft entgegen fuhren.

Bemerkt sei noch, dass im deutschen Durchgangslager in Lübeck der dortige Lagerkommandant, ein englischer Offizier, mich und verschiedene andere über die an uns begangenen polnischen Gräuel protokollarisch vernahm...

Nachtrag: Pastor Roland Krause, geboren 6.12.1884 in Tiflis / Kaukasus, hieß mit Vornamen ursprünglich Boris und ließ sich 1946 in Roland umbenennen. Er lebte nach der Vertreibung zeitweilig in Gohfeld, Kreis Herford, seit 1953 in Espelkamp. Sowohl in Völschendorf als auch in Espelkamp galt er als besonders kinderlieb. 1963 starb er im Alter von 78 Jahren.

Der Originalbericht lagert im Bundesarchiv Bayreuth: Erlebnisberichte zur Dokumentation der Vertreibung der Deutschen aus Ost-Mittel-Europa.

 

Auf Anregung von Horst Brasch, 26188 Edewecht, in „Pommersche Zeitung“ am 16. + 23. November 2002 – Folge 46/47 - veröffentlicht.


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